Sie sind hier: Chronik. Wüstungen.
Kaum eine Gemarkung unserer Gegend wird ohne Stelle sein, von der man erzählt, dort habe ein Dorf gestanden, das im 30 jährigen Krieg zerstört worden sei. Die Volksmeinung ist jedoch völlig irrig, denn in der ganzen Grafschaft Nidda war 1648 nur ein Dorf wüst und verlassen: Bellmuth, das jedoch bald wieder von den landflüchtigen ehemaligen Bewohnern aufgesucht wurde. Alle uns als Wüstungen bekannten Orte waren längst vor Beginn des großen Krieges ausgegangen.
Da die Gründe, die zur Aufgabe jener Siedlungen führten, in den meisten Fällen die gleichen sind, wollen wir uns am Beispiel Reifertshain und Rechelshausen in die Notzeit vor 500 Jahren zurückversetzen. Jeder Leser möge die Geschichte der beiden Orte auf Wüstungen seiner Heimat übertragen, vieles wird ebenso verlaufen sein, so auch der Ort "Udenhusen" (hinter dem Weinberg) und "Haisbach".
Das Dörfchen Reifertshain lag da, wo der Weg von Eichelsachsen nach dem Breitenstein das enge Tälchen des Reifertshainer Baches scheidet. Hier klebte an den beiden Hängen etwa ein Dutzend Fachwerkhütten mit Strohdächern. 1187 wird der Ort urkundlich erwähnt. Wir erfahren, dass "Rifrideshagen" jährlich 1 Malter Hafer an die Johanniter in Nidda zu geben hat. Viele Flurnamen der Gemarkung Eichelsachsen, an der Grenze zu Eichelsdorf, bezeichnen die alte Feldmark von Reifertshain. Sie weisen heute noch darauf hin, dass wir es mit ehemaligem Waldboden zu tun haben, der verhältnismäßig spät, als Eichelsachsen schon längst bestand, für die Landwirtschaft nutzbar gemacht wurde. Wir nennen nur Birkenlache, Struthköppel, Bendersrod, Gebrannte Drischer, Steinmauern, alles Namen, die auf Ausroden von Wald hindeuten. Ums Jahr 1000 oder 1100 konnte der Boden Eichelsachsens seine Leute nicht mehr ernähren. Wagemutige junge Männer begannen zu roden und gründeten am Reifertshainer Bach ein neues Dörfchen, das nach dem ersten Siedler Rifrid "Rifrideshagen", später Reifertshain genannt wurde.
Den Siedlern stand nur geringer Boden zur Verfügung. Er lag ziemlich hoch, etwa 300 m, war stellenweise stark mit "Rappelsteinen" durchsetzt, befand sich auf der Winterseite des Eicheltales und war den rauhen Nord- und Ostwinden preisgegeben. Im Sommer war das Wasser knapp, die Quellen im Dorf genügten kaum, den Durst von Mensch und Vieh zu löschen, wenn das Bächlein versiegt war. Junge Frauen vergossen manch heiße Träne im Gedenken an das trauliche Heimatdorf Eichelsachsen, wenn in eisiger Winternacht die Wölfe heulend um die Hütten strichen, oder zur Erntezeit allerlei fahrendes Volk von der nahen Frankfurter Straße im Breitenstein den Weg ins Dörfchen fand. Leichten Herzens gaben sie drum in der Zeit landwirtschaftlichen Niedergangs vor 500 Jahren ihr Walddörfchen auf und zogen nach und nach ins Mutterdorf Eichelsachsen, um von dort ihre Äcker und Wiesen in der Gemarkung Reifertshain zu bearbeiten, von der es bereits in einer Urkunde von 1556 heißt: "Die von Eigelsassen haben die Wüstung nid Eigelsassen crafft fürstlicher Gnaden und Herrn briff und sigel umb einen bestandenen Zins und Handen in Besitz...". Schon rund 100 Jahre vor dem Ende des 30 jährigen Krieges war die Feldmark des ausgegangenen Dorfes zum Gemarkungsteil von Eichelsachsen geworden. "...und ihre Stätte kennet man nicht mehr." Gering sind die Spuren, die die Siedlertätigkeit vor dem Breitenstein hinterlassen hat. Eine Anzahl Flurnamen, zwei Quellen, einige dürre Streifen auf den Wiesen, unter denen Mauerreste liegen, wenige flache Mulden (ehemalige Keller), Holundersträuche in Massen und die "weiße Frau", die um den Reifertshainer Köppel wandert, das ist alles, was geblieben ist.
Die Johanniterurkunde von 1187 nennt die Kirche zu Rechelshausen als Tochterkirche von Nidda. Eine archivalische Notiz von 1537 spricht von "gewesenen Waldbrüdern" an dieser Stelle. Das Eichelsdorfer Pfarregister von 1706 sagt: "Rechelshausen oder Rochihaußen ist vor diesem eine Wallfahrt gewesen, dem S. Rochi erbaut, welchen man in Papatu sangt Sebastiano vor die Pestilenz verehrt, uti notam est." Das Register spricht erstmalig von Eichelsdorfer Pfarrgütern in Rechelshausen. 1803 wird in Eichelsdorf das Gerät der abgebrochenen Kapelle zu Recholtzhausen versteigert. Nach all diesen Nachrichten war der Ort eine "Wallfahrt vor die Pestilenz". Aus welchen Gründen wurde Rechelshausen aufgegeben? Aus den gleichen Gründen, die wir bei Reifertshain kennengelernt haben. Wohin sind die Bewohner gekommen? Dies lehrt ein Blick auf die Karte. Zwei Gemarkungen liegen hier wie zwei schmale Bänder quer durch das Niddatal, die Gemarkungen von Ober- und Unterschmitten. 1441 werden hier zwei Waldschmieden erwähnt, die um 1500 Siedlungskern für die beiden Orte wurden. Bis dahin war das Tal der Nidda zwischen Rainrod und Nidda ohne Siedlung, diese Strecke heißt nicht umsonst der "nasse Grund". Das alte Eichelsdorf lag im Eicheltal, erst vor gut 150 Jahren dehnt es sich über die Nidda aus (ohne Brücke, nur Steg in der "Kätzerbach"). Auch das alte Nidda mied zunächst das sumpfige Tal.
Als die Rechelshäuser das Leben in ihrer Waldecke dicht unter der gefahrbringenden Frankfurter Straße (Friedrichsberg) müde waren, rückten sie hinunter in das offene Tal zu der oberen und unteren Waldschmiede und bebauten von hier aus ihr Land in der alten Gemeinde Rechelshausen. Nicht nur von Südosten kamen Neusiedler in die beiden entstandenen Dörfer. Auch nördlich wurden Dörfer aufgegeben: Fronholtz vor dem Loh, zwischen Ober-Schmitten und Ulfa, und Reinhausen an der Ulfa, dessen beide Mühlen, die Weißmühle und Haubenmühle, wie auch der Reinhäuser Hof heute noch vorhanden sind. Durch Aufgabe alter Siedlungen beiderseits des Niddatals entstanden zwei neue Orte. Und nun zur Wallfahrtskapelle Rechelshausen. 1537 ist nur noch von "gewesenen Waldbrüdern" die Rede, nicht mehr vom Dorf. 1527 wurde unsere Gegend evangelisch. Dies bedeutete das Ende der Wallfahrtskapelle, die sicher von Johannitermönchen bedient wurde. Die evangelische Bewegung ging gerade in Nidda von der Johanniterkomturei aus. Die ersten evangelischen Pfarrer wurden von der Niederlassung der Johanniter in Nidda gestellt. Die Klause in Rechelshausen zerfiel immer mehr. Das Land der Kirche, noch 14 Morgen, erhielt die Kirche Eichelsdorf als Pfarrgut. Heute liegt mittendrin ein Steinhaufen, in dem man bei nur oberflächlichem suchen behauene Sandsteinbrocken findet. Die Flurnamen Rechelshausen, Klauselkopf, Klauseleichen nennt das Messtischblatt. Die Überlieferung aus den Akten, die mehr aufweist als von Reifertshain, wird eines Tages schweigen. Versunken und vergessen.
Nach W. Würz.
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