Sie sind hier: Erzählungen. Die Wildschweinplage.
Mit Ende des zweiten Weltkrieges mussten alle Jäger ihre Jagdgewehre an die Besatzungsmächte abgeben. Dadurch vermehrten sich die Wildschweine sehr stark. Sie wurden regelrecht zur Landplage, und zum Leidwesen der sowieso schon hungernden Bevölkerung richteten diese Tiere große Schäden an. Wiesenflächen sahen aus wie Äcker, noch schlimmer war der Schaden an Kartoffel und Getreidefelder. Hunde wurden zur Abwehr der Wildschweine mit Hütte über Wochen auf die Felder gebracht. Saufänge baute man in den Wäldern aus Stangen und Falltoren.
An einem Sonntag dieser Zeit waren drei starke Sauen in dem Saufang unterhalb des Wolfsweges im Buchwald gefangen. Scharen von Kindern und Erwachsenen eilten zu diesem Ort. Der Götze Hugo spannte seinen Gaul ein und los gings zum Saufang. Wir Kinder standen ringsum auf dem Stangenzaun. Die Tiere wurden sehr unruhig und rannten ständig im Kreis durch den bis zum Bauch reichenden Morast. Unter den Männern wurde beraten, was zu geschehen hat. Ergebnis der Beratung war, dass mangels Schusswaffen die Tiere mit Äxten erschlagen werden sollten, eine schaurige Sache, die viel Mut erforderte. Als erster sprang der Bauer Sepp in den Morast. Großes Schweigen stellte sich ein. Würden die Tiere angreifen? Nach kurzem Verweilen rannten sie weiter im Kreise, als könnten sie so der Gefahr entrinnen. Heinrich und Karl Luft sprangen als nächste in den Saufang. Wer der vierte mutige Mann war, ist mir nicht mehr genau in Erinnerung. Es könnte Wilhelm Blum oder Fritz Baur gewesen sein. Nun folgten die Axtschläge auf die Tiere, bis diese schließlich tot zusammenbrachen. Auf den Pferdewagen verladen, transportierte Götze Hugo die Fracht unter großem Gefolge zum Forstamt.
An einem anderen Sonntag wurde im Dorf bekannt, dass eine große Rotte Sauen in der Fichtendickung im oberen Buchwald liege. Wieder eilte eine große Schar Männer und Jungen in den Wald, um wenigstens die Wildschweine zu vertreiben. Neun Frischlinge wurden damals erschlagen und ein zehntes lebend gefangen. Wenn man weiß, wie gefährlich Junge führende Bachen (Muttersauen) sein können, muss man sich wundern, dass dabei nichts passierte. Mir ist heute noch in Erinnerung, wie der Bauer Sepp einer großen Sau mit dem Steinhammer auf den Rücken schlug.
An einem Sommertag kurz vor der Ernte wollte der Straßenwärter August Edelmann sein Korn am Pfarracker begutachten. Die Zeit der Reife war gekommen, da musste geprüft werden, ob die Körner schon fest waren. Welch ein Schreck erfasste den Mann, als er sah, wie das Kornäckerchen kreuz und quer mit Gängen durchzogen war. In der Mitte war gar ein großer Lagerplatz. Die Wildschweine kommen also schon so nahe an das Dorf. Das besagte Äckerchen grenzte direkt an Kode Heinrichs Baumstück hinter der Scheune.
Sofort musste der Bürgermeister verständigt werden. Noch am gleichen Tag traf sich der Gemeinderat, um den Schaden zu begutachten. Wie soll das nur weitergehen mit dieser Wildschweinplage, fragte ein jeder, um sich die Sache dann näher anzuschauen.
"Hai her ihr Leut", rief auf einmal der "Dicke Uhl", "eich ho woas gefonne." Alle versammelten sich an einer Stelle und schauten zu Boden. Was da lag, war keine Losung von einem Wildschwein. Hier hatte ein Mensch die Hose gewendet. Das gab ja ein ganz anderes Bild. Nach einer Befragung in einigen Häusern der Borngasse stellte sich heraus, dass die Buben "Wildschwein" gespielt hatten. Mancher bekam den Hintern versohlt. Natürlich musste der Schaden ersetzt werden. Ohne Anzeige legte man fest: Ein jeder Beteiligte hat eine Garbe Korn als Entschädigung herbeizubringen. Wer die nicht hatte, musste Ähren auf den Äckern lesen.
Die kleinen Wildschweine von damals sind alles ausgewachsene Keiler geworden. Manchmal, am runden Tisch, werden solche und ähnliche Dinge erzählt.
Von Gerhard Kühn, Februar 1987.
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