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Von den Weidbuben.

Ein Großstadtjunge besuchte zum ersten Mal seinen Onkel Pfarrer im Vogelsberg. Während das Fuhrwerk, das den Besuch abholte, inmitten der Hutweiden beiderseits der Landstraße dahinfuhr, sah der Kleine im Nebel verschwommene Gestalten Kühe, die scheinbar allein grasten. Hirt und Hund waren unsichtbar, und voller Erstaunen entrang sich seiner Brust der Ausruf: "Ei Onkel, gibts denn im Vogelsberg wilde Kühe?" Wer im Vogelsberg auf Heckenumsäumten, Steinüberstreuten Hutweiden plötzlich einem Trupp Weidevieh gegenüberstand, konnte leicht der Meinung dieses Stadtbuben sein, denn weder Holzzaun noch Stacheldraht erinnerten an modernen Weidebetrieb auf Milchwirtschaften. Wie seit alters her weidete das Vieh uneingeengt, von Hirten und Hund ungefähr in gebotenen Grenzen gehalten Die Hirten? Das Weidfahren war meist Aufgabe der Vogelsberger Buben. Wenn um drei Uhr die Schule aus war und der Bub dem Elternhaus zustrebte, nicht schneller als unbedingt nötig, klirrten bereits im Stall die Ketten zu Boden, und der Hund tänzelte im Hof vor einigen Stück Vieh her, die den Abzuges ganzen Trupps nicht erwarten konnten. Unterdessen war rasch eine Tasse Kaffee hinuntergestürzt. Das in ein Taschentuch gebundene "Weidbrot" unter dem Arm, den "Weidknüttel" oder "Ringelstecken" in der Hand schlenderte der Bub hinter dem Vieh her in die Dorfgasse hinein. Letzte Ermahnungen verklangen bereits in weiter Ferne Weidbubenleben im Vogelsberg! Arbeitsfron? Glück auf dem Land? Am Kirchrain war mein Jugendparadies. Kaum zeigte sich nach der Heuernte ein grüner Schimmer, begann das Weidfahren und mein Glück auf dem Land. Allein war ich nie.

An den Eichenhecken der Raine zupften stets wählerisch die Ziegen einiger "Geißhirten". Und was trieben wir? Ein waagrecht stehender Ast am Apfelbaum lud geradezu ein, einen Strick zu befestigen, und die schönste Schaukel war fertig. Zu Dutzenden lagen abgefallene Äpfel und Birnen umher. Schnell eine Gerte gespitzt, draufgesteckt, und die Wurfgeschosse flitzten hinunter ins Tal. Schön wars, auf dem Rücken zu liegen und den dicken weißen Wolken zuzuschauen. Wie froh klangen unsere Lieder. "Im schönsten Wiesengrunde", und wo gabs einen schöneren? Und des Weidbuben höchstes Glück, das "Feuerchen"! Schon das Holzsuchen, welche Vorfreude! Und welch Bedachtsamkeit beim Entzünden des dürren Grases, beim vorsichtigen Anlegen der dürren Reiser. Wunschlos glücklich waren wir, wenn die Flammen loderten und wir das Feuerchen umlagerten. Was schmeckt besser als selbst gebratene Äpfel und Kartoffeln? Der Kirchrain war auch der Schauplatz unserer ersten Rauchversuche. "Heckenzigarren", Stücke eines zerbrochenen Peitschenstieles, Rübenklöbchen mit halbem Gaul, der Kirchrain lieferte alles Dahin! An den Hängen des Vogelsberges ist das Weidfahren ein überwundener Standpunkt. Die Buben sind freier geworden. Fußballspielen, wenn sich nur eine Gelegenheit bietet. Gespräche um Tabellenplätze, um Punkte bei Lauf, Sprung und Wurf, um Motorradmarken und Rekorde. Heute hier, morgen dort Zuschauer oder Aktiver bei Sport und Spiel .

Die "gute, alte Zeit" wieder herbeiführen zu wollen? Nein, Sport und Spiel müssen sein, aber die Freude an der Natur und die Naturnähe gehen unserer Jugend verloren. Das Übel steigt die Hänge des Vogelsberges empor. Aus einem Weidbubenleben kann man noch nach dreißig, nach fünfzig Jahren erzählen. Die Seele ist erfüllt von Bubenglück und Bubenstreichen. Körperlich ist die heutige Jugend tüchtiger als wir "Steifschächter" es waren, aber innerlich viel, viel ärmer. Sie vergisst das Streifen in Feld und Wald, das auch den Körper kräftigt und zudem die Seele füllt. Lasst andere sagen, was sie wollen, lasst sie reden von Fron und harter Arbeit: Weidbubenleben war "Glück auf dem Land", war Weidbubenherrlichkeit!

Nach W. Würz.


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