Sie sind hier: Erzählungen. Schweinemast.
Ja, das waren noch Zeiten, als vor 300 Jahren der gesamte Forst Eichelsdorf fast reiner Eichenwald war, "mit wenig Buchenholz gemengt", von dem Kroppzeug, dem lausigen Nadelholz ganz zu schweigen. Buchwald, Roteberg, Irrhaus, Tiefstruth, Auerberg, Alteberg und Loh herrliche Eichenwälder. Was war das für ein Leben im Eichelsdorfer Wald! "Die vom Gericht Nidda und Fauerbach, auch von Eygelsachsen, haben hier die Weydt gehabt, zu Mastzeiten auch die von Wingershausen, Eschenrod und Burkhards, so keinen Eichwald haben, umb gespürlich Mastgeldt eingetrieben." Im Alteberg, einem "fruchtbaren" Eichwald, wurde von "Eygelsdorff, Ober- Schmitten und Ulfe eingetrieben, im Loh haben die Ober- und Underschmitter die huet." Vom frühesten Frühjahr an, sobald das erste Gräschen aus wintergrauem Erdreich trieb, bis zum Vorwinter, wenn erster Schnee die Eicheln deckte, Rinderbrüllen, Pferdewiehern, Schafeblöken und zuguterletzt noch Schweinegrunzen im Forst. Der lichte Bestand, die Waldwege, die Waldblößen, die breite Frankfurter (Zwiefalter) Straße erfüllt von weidendem Vieh und rufenden Weidbuben. Geknuff um gute Weideplätze, Kämpfe mit fremden Hungerleidern, die im Eichelsdorfer Forst ihr Vieh nähren. Welch Räsonieren, wenn der Förster ein abgeholztes Waldstück in "Hege" legte, um den Nachwuchs vor Verbiss zu schützen. Schon weiß der Landgraf, dass seine Wälder überhauen sind, dass kaum noch das Bau und Brennholz an die Untertanen abgegeben werden kann. Da muss auch gegen finster blickende Bauern für "natürliche Verjüngung" des Waldes gesorgt werden, denn schon wird für die "Schmitten under Eygelsdorff", den Eisenhammer in Ober- Schmitten, im Zwirnberg im Oberwald geköhlert, auf der Nidda "floßenholtz" (Scheiter) aus dem Oberwald herbeigeschafft, um die Wälder hier zu entlasten. "Zwei Deiche liegen im Oberwald, welche der Forstschreiber zu Schotten zur Holzfloßen gebraucht", die Forellenteiche. "Die Untertanen müssen Flößer im Oberwald binden und die Bach aufräumen."
Goldener Herbst! Die Eicheln fallen. Von allen Seiten rücken Schweinehirten mit grunzenden und quiekenden Herden heran. Wie herrlich schmeckt das Wildobst, wie wohlig ruht sichs unter Eichen im kühlen, tief eingewühlten Bett! Wie strafft sich von Tag zu Tag die Haut überm angesetzten Winterspeck! Scharf passt der Förster auf, dass der "göttliche Sauhirt" nicht mogelt. Einen heiligen Eid hat der Schweinehirt abgelegt, die Interessen des Landgrafen zu wahren. Denn "Mastzeiten" bringen Geld, viel Geld. Fruchtbare Eichenwälder mehr durch "Mastgeldt" als durch Einschlag. "Haben die Unterthanen, so die Mastung gering, eine halbe Mesten, auch eine Mesten, und so gute Mastung gewesen, zwo Mesten Haffer gegeben, endlich auf einen halben Reichstaler kommen." Fremde Schweine zahlen sogar "einen ganzen Reichstaler". Auch "6 Pfennig Brenngeld", die für jedes eingetriebene, mit dem Brenneisen gezeichnete Schwein erlegt werden müssen, summieren sich. Das "Schweinevieh" bleibt auch nachts im Wald, in pferchartigen, mit Stroh überdeckten Mastställen, "Schweinsgärten", "Saukammern". Da hätte Eichelsdorf einmal um ein Haar seine Revolution bekommen wegen seines "Schweinsgartens". Pfarrer und Schulmeister treiben ein ohne "Masthaffer", ohne "Mastgeldt" bezahlen zu müssen so eine Gemeinheit. Und nun ist das Dach des "Schweinsgartens" schadhaft geworden. Bäusche Stroh werden im Dorf zusammengetragen, das Dach auszubessern. Nie dachte man daran, Pfarrer und Schulmeister zur Strohlieferung heranzuziehen. Aber das Versäumnis fällt den Eichelsdorfern diesmal heiß auf die Seele. Sie schicken ihren Bürgermeister aus, das Stroh zu fordern. "Bürgermeister, stecks dene zwei mal ordentlich!" und andere Rufe sorgen für Einstimmung. Er rückt den beiden auf die "Bude" und bekommt anstandslos seinen Bausch Stroh Schnee und Frost treiben fette Schweineherden in die Dörfer und liefern sie ans Messer. Rauher Wintersturm fegt durchs Eicheltal. Tags hallt Axtschlag im erstarrten Frost. Nachts huscht der Wolf vom "Wolfsrain" her wie ein Schatten auf der Spur des Försters dahin, betrachtet argwöhnisch das schöne Stück Fleisch auf der "Wolfstraute", springt zu und ist gefangen. Der Wald verödet. Der Bauer wird aus ihm vertrieben. Er mag sehen, wie er sein Vieh durchbringt. Für die Hirsche des Landgrafen ist der Wald da. Wie lacht sein Jägerherz, wenn er einen feisten Sechzehnender fällt. Seine Bauern jedoch kehren verzweifelt in Scharen der Heimat den Rücken. Die Waldwirtschaft lernt Holznutzung als wahre Waldnutzung erkennen. Die Eiche muss weichen. Die lebhaftere Buche und das schnellwüchsige Nadelholz erobern die Flächen die neue Zeit!
Nach W. Würz.
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