Sie sind hier: Erzählungen. Die Schoof eraus, de Hirt fihrt aus.
Entwicklung der Schafzucht in Eichelsdorf:
1629: 450 Stück, 1648: 0 Stück, 1778: 260 Stück, 1850: 450 Stück, 1863: 650 Stück, 1871: 250 Stück, 1880: 400 Stück, 1887: 270 Stück, 1914: 240 Stück, 1920: 320 Stück, 1930: 38 Stück, 1933: 88 Stück, 1935: 108 Stück, 1937: 250 Stück, 1946: 450 Stück, 1949: 350 Stück, 1970: 400 Stück, 1977: 500 Stück, 1987: 200 Stück.
Im Jahre 1629, also im 30 jährigen Krieg, ließ der hessische Landgraf Georg II. die Kräfte seines Landes feststellen: Einwohner, Besitz an Acker, Wiese und Vieh, Wälder, Bodenschätze, Zehnten und andere Gerechtsame. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, dass die Eichelsdorfer Schafherde damals 450 Tiere zählte. 1648 fand die gleiche Bestandsaufnahme statt: In Eichelsdorf gabs keine Schafherde mehr! Sie war nicht abgeschafft worden, bewahre. Die Soldaten des großen Krieges wollten essen, gut essen. Sie waren keine "Schnäuber", sie aßen Schaffleisch mit Behagen, daher die Null unter der Jahreszahl. Im Jahre 1778 ließ der Minister von Moser, der unter dem Soldatenlandgraf Ludwig IX. im Hessenland die Wunden heilen sollte, die die Misswirtschaft des Jagdnarren Ludwig XIII. geschlagen hatte, ähnliche Erhebungen anstellen wie in 1629 und 1648. Die Eichelsdorfer Schafherde zählte nur 260 Stück. War der Wiederaufbau der Herde so langsam vor sich gegangen, dass die Zahl 450 des Jahres 1629 noch nicht erreicht war? Nein, die Zahl 260 vom Jahre 1778 läßt die Verluste während des Siebenjährigen Krieges erkennen. Die Franzosen saßen mehrere Jahre in der Festung Gießen und "fouragierten" im Vogelsberg so oft, dass 1763 großer Mangel an Lebens- und Futtermitteln herrschte. Mehl und Brot wurden verteilt, Stroh wurde bis aus der Gegend von Hanau geholt. Die Franzosen aßen Schaffleisch, sehr gern sogar. Daher die geringe Stärke der Eichelsdorfer Herde in 1778. Von 1845-1860 wurden hier durchschnittlich 450 Schafe gehalten. Die Wolle war Rohstoff für die ausgedehnte Tuchmacherei Deutschlands. Fette Hämmel wanderten in großen Herden bis nach Paris.
Der Höhepunkt der Eichelsdorfer (auch der hessischen und deutschen) Schafzucht fällt um das Jahr 1863. In Nordamerika schlugen sich die Nord- und Südstaaten wegen der Abschaffung der Sklaverei die Köpfe blutig. Baumwolle kam nicht nach Europa, sie verfaulte drüben. Wolle war wieder Alleinherrscher in Europa. Alle Webereien schrien nach Schafwolle, um Arbeit zu haben. Die Schafzucht blühte auf wie nie zuvor und ging im Jahre 1871 wieder auf einen Tiefpunkt zurück. Der Krieg 1870/71 brauchte für Soldaten und Gefangene Schaffleisch, viel Schaffleisch. Zudem war es ein "dürres" Jahr, das die Schafherden bereits vor Kriegsausbruch vermindert hatte. Um 1880 zählten unsere zwei Schafherden wieder 400 Stück. Dann kam 1882 auf 1883 der Absturz. Ein neues Zeitalter hatte gesiegt. Für die Maschine und die rasch angewachsene Bevölkerung, die sich billig kleiden wollte, war die deutsche Wolle zu teuer. "König Baumwolle" nahm Rache für seine Niederlage während des Sezessionskrieges (1861-1865). Billige Auslandswolle überschwemmte Deutschland. Das Schaffleisch schmeckte nicht mehr recht. Kurzum, die deutsche Schafzucht war erledigt. Die beiden Eichelsdorfer Schafherden wurden vereinigt, sie zählten 1887 nur noch 270 Stück. 1914 waren es gar nur 240. "Unsere Zukunft lag ja auf dem Wasser"! An die Rohstoffversorgung Deutschlands im Kriegsfall dachte niemand. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Zunahme der deutschen Schafzucht während des Krieges war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sie konnte die Mängel der Grundversorgung nicht ausgleichen.
Nach Beendigung der Inflationszeit ging die Zahl der Schafe wieder mit Riesenschritten zurück. 1930 waren es hier noch 38 (achtunddreißig) Stück. "Wozu noch Schafe halten?" Es ging den Menschen ja gut. Die Löhne waren hoch. (Ein Steinrichter konnte damals in den Eichelsdorfer Steinbrüchen bis zu 30 Mark täglich verdienen, viel Geld!) Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse waren auch gut. "Weizen!" hieß die Parole. Der brachte mehr ein als Schafzucht. "Wollene Strümpfe tragen? Nein! Die kratzen so arg!" Kunstseide brachte ihr Schäfchen ins Trockene. Doch schon klopfte die Arbeitslosigkeit an. Der Ruf nach Weizen wurde leiser. Die Löhne sanken, die Preise sanken... Das Schaffleisch schmeckte wieder besser. Die Wollstrümpfe kratzten auf einmal nicht mehr. Die Schafzucht wurde im "Dritten Reich" gefördert, man erstrebte die Unabhängigkeit von ausländischer Wolle. Der Schäferkarl meinte damals, die Eichelsdorfer könnten 350 Schafe halten, wenn die "Irredörner" auf dem Ödland beseitigt würden, und es müssten lauter "Schwarzköpfe" sein (gut in Fleisch und Wolle und unseren Verhältnissen angepasst). Es wurden vor allem deshalb mehr, weil im 2. Weltkrieg und danach die Notlage in der Ernährung dazu zwang, auch der Schafhaltung wieder mehr Geltung zu verschaffen. Jeder suchte nach Möglichkeiten, über Selbstversorgung die knapp bemessenen Rationen der Lebensmittelkarten zu verbessern. Das "Kleinvieh" stand hoch im Kurs, wurde gehegt und gepflegt denn ein Sonntag mit Braten war ein Festtag für die Familie. Wer es nur irgend einrichten konnte, hielt Stallhasen, Hühner, Gänse und Enten, und wer Stallgebäude besaß, fütterte "sein" Schwein, Ziegen oder Schafe. Kein Wunder also, dass die Schafherde 1946 wieder auf 450 Tiere anwuchs. Mit dem beginnenden Wirtschaftsaufschwung setzte die (schon bekannte) Rückentwicklung der Schafhaltung ein und nach Beendigung der Flurbereinigung lohnte sich die Gemeindeschäferei nicht mehr, sie wurde Anfang der 50er Jahre aufgegeben.
Adolf Link, vorher schon mit seiner eigenen Herde in der Harb, verlegte seine Tätigkeit in die hiesige Gemarkung, betrieb die Schafhaltung weiter in Eigenregie und führte die Schäfertradition in unserer Gemeinde fort. Der gelernte Schäfer erkannte die Vorteile des Merino- Landschafes, das sich durch gute Wollqualität auszeichnet und sich der ausländischen Schafwolle konkurrenzfähig erwies. Seine "vierbeinigen Rasenmäher" (1977 um 500 Tiere) gehörten zum Alltagsbild unseres Dorfes und wurden von Fremden als nostalgische Rarität bestaunt, Urlaubsorte machten mittlerweile mit einer Schafherde als Seltenheit sogar Werbung. Mit dem plötzlichen Tod von Adolf Link 1977 schien auch das Ende der Schafhaltung in Eichelsdorf vorgezeichnet, eine so große Herde konnte nicht im Nebenberuf erhalten werden. Abschaffen oder stark verringern? Sohn Peter und Bruder Heinrich Link entschieden sich für die Fortführung als "Hobby- Schäfer", bewahren somit eine Familientradition (die Links kamen 1873 aus Steinberg) und uns allen ein Stück Naturnähe.
Nach W. Würz.
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