Sie sind hier: Erzählungen. Auf Nachbars Ofenbank.
Von der Spinnstube.
Schneeflocken wirbeln um und um. im Garten blüht der Weihnachtsbaum, Frau Holle fährt im Dorf herum. - Schnurre, Rädchen, schnurre! Der Mond blickt aus dem Wolkengraus, weist ihr den Weg zu jedem Haus, dass sie die Flinksten findet aus. - Schnurre, Rädchen, schnurre! Gewahrt sie wo noch einen Schein, Frau Holle hält und schaut hinein, die munter drehn, belohnt sie fein. - Schnurre, Rädchen, schnurre!(Greif)
Beim Nachbar gerate ich diesmal in eine Spinnstube. Als ich schnell kehrtmachen will, ruft's von allen Seiten: "Bleiwe Se doch hier, mir tun Ihne naut!" Und so setze ich mich denn zum Nachbarn, der hinterm Ofen "volle Deckung" genommen hat. Die Frauen drehen ihre Spinnräder, einige stricken unter der Lampe. Ihre fleißigen Hände feiern auch am Winterabend nicht, die Männer aber dürfen in aller Ruhe ihr Feierabendpfeifchen rauchen. Die Rädchen schnurren, die Strickstöcke klappern eifrig. Der Wintersturm fegt ums Haus, kann aber die Winterfreude der Dorfjugend nicht stören. Die Spinnstube beginnt erst später, drum sitzen die Mädchen mit ihren Freundinnen zusammen und singen beim Stricken leise: "Von der Wanderschaft zurück, führt den Jüngling das Geschick, der nach vielen Jahren kehrt zu dem heimatlichen Herd..."
Gemütlich ists in der alten geräumigen Bauernstube. Ein gusseiserner, mannshoher Ofen, der auf vier hohen Füßen steht, breitet eine behagliche Wärme aus. Ein alter Bauernschrank, verziert mit hübschen Schnitzereien, eine kleine Kommode und ein großer eichener Tisch mit Stühlen, ja, und ein breiter Blumenständer mit Zimmerpflanzen sind die ganze Einrichtung. Um den Tisch sitzen sie auf langen Wandbänken, nur die uralte Oma hat als Lieblingsplatz einen bequemen Lehnstuhl .
Nach dem Lied ists eine Weile still, da kommt die Oma ins Erzählen:
"Das "Steckelche" haben wir schon vor sechzig, siebzig Jahren gesungen. Aber, da klangs anders als heutzutage. Alleweil sind in jeder Spinnstube eine Masse Leute, die kennen von jedem Liedchen nur den ersten Vers, und dann schweigen sie still. Meistens sind das die "jungen Dinger". Zu meiner Zeit war's umgekehrt, wir "Jungen" sangen vorneweg. Und überhaupt, die Spinnstube früher war viel lustiger. Jeder kannte die alten Volkslieder auswendig mit vielen Strophen, und es wurde gelacht und sich geneckt, und auch geschafft. Die Burschen saßen nicht nur müßig auf der Ofenbank herum, die schnitzten Löffel und Rechen, und besonders Geschickte flochten aus Weidenbast bunte Körbe oder fertigten hübsche Kuchenteller aus Holz an. Erst um die zehnte oder elfte Stunde erklang dann die Ziehharmonika, und alles, ob jung oder alt, drehte sich im Kreis. Ans Arbeiten dachte dann bis zum Heimgehen niemand mehr. Für uns war der Walzer das Schönste, der war damals ganz modern. Was hatten wir einen Spaß beim 1, 2, 3 und 1, 2, 3...
Meinen verstorbenen Mann habe ich in der Spinnstube kennengelernt, vor mehr als 60 Jahren. Ich war in jener Zeit gerade hier zu Besuch. Von der nahen Schuluhr hatte es 8 Uhr geschlagen, da meinte meine Cousine, ich solle mit ihr in die Spinnstube gehen. Was ihr so in der Stadt an Geselligkeit habt, können wir dir zwar nicht bieten, aber komm nur mit, es wird dir sicher gefallen. Na ja, ich war neugierig, was ich als 19 jähriges Mädchen aus der Stadt dort alles erleben würde. Vielleicht eine lustige Geschichte, die ich dann zu Hause unter großem Lachen meinen Freundinnen erzählen konnte. Als wir ins Haus traten, scholl uns helles Lachen entgegen. Auf dem Tisch türmten sich Berge von Kuchen, und in der Ecke standen weitbauchige Korbflaschen mit selbstgemachtem Apfel- und Johannisbeerwein. Fast die ganze Dorfjugend war versammelt. Etwas schüchtern und verlegen drehte ich fortwährend an meinem Taschentuch. Aber es dauerte nicht lange, und der älteste der Dorfburschen hieß mich willkommen, und es fand sich für uns noch ein Plätzchen auf der Wandbank. Nach einer halben Stunde war das Eis gebrochen, lachend und scherzend saß ich unter den anderen. Gesponnen wurde an diesem Abend nicht. Man war zusammengekommen, um das Spinnjahr "anzutrinken". Es war von jeher Brauch, dass nach getaner Feldarbeit die Spinnstube so eröffnet wurde. Bevor man sich zu Tisch setzte, um die riesigen "Blechkuchen" zu vertilgen, sollte ich noch Zeuge eines eindrucksvollen Brauches werden, den es heute nicht mehr gibt.
Die Mädchen und Burschen des Dorfes, die im letzten Jahr die Schule verlassen hatten, wurden in die Spinnstube aufgenommen. Vor der Haustür versammelten sich die 14- und 15 jährigen und sagten ihr Verschen auf:
"Der Hans und die Frieda, der Wilhelm und der Schorsch, der Otto und seine Schwester, die wollen ins erste Spinnsemester. Der Karl, der Klaus und die Liesel, die wollen auch noch rein, so frag ich euch, kann das jetzt sein?"
Und sofort kam auch die Antwort der Spinnstübler:
Gewiss, gewiss, sie sind willkommen und in die Spinnstube aufgenommen. Bei uns ist es aber so Sitte, ihr Leut, dass die jüngsten ihren Einstand zahlen heut! So seid ihr nach dem schönen Brauch, aufgenommen in die Spinnstub auch.
Den Einstand konnten die "Neuen" in Form von Geld oder Schnaps bezahlen und gehörten damit zur Gemeinschaft. Danach gab es Kaffee und Kuchen, der selbstgemachte Obstwein lockerte die Gemüter auf, einer hielt im Rückblick auf das arbeitsreiche Jahr eine kleine Rede, anschließend wurde bis in die späte Nacht hinein getanzt und gefeiert. Manchmal zog man zu diesem Antrinken auch in eine Wirtsstube oder gar in einen Saal. Nicht selten kamen auch die Alten dorthin, um dem Tun und Treiben ihrer Kinder zuzuschauen, erlebten sie doch in diesem Brauch ihre eigene Jugend wieder. Die Obrigkeit schien zu der Zeit von dieser Art Geselligkeit nicht viel zu halten und betrachtete sie aus sittlichmoralischen Gründen mit Argwohn. In den Pfarrakten von Eichelsdorf finden wir dazu folgende Verordnung:
"Nachdem man in Erfahrung gebracht, alßob bey gelegenheit der Spinnstuben in Eichelsdorf viel Unfug getrieben werde, solches aber durchaus nicht nachzusehen ist; alß ist aufs genaueste darauf zu sehen, dass, wann ja eine ledige oder andere Weibs-Personen abends spinnens halber zussammen kommen, dabey durchaus keine Manns- Leute gedultet werden, widrigenfalls gegen diejenigen, die dergl. Zusammenkünffte in ihren Häusern gestatten, mit nachdrücklicher Strafe verfahren werden soll, dabey dann auch jedesmahlen durch die Nachtwacht, welche fleißig zu halten, genau darauf achtung zugeben ist, dass von denen muthwilligen Burschen auf der Straße kein Lermen getrieben oder sonst einiger Unfug ausgeübet werde, vielmehr sich dergl. Nachtschwärmer jedesmahlen auf betretten sogleich beym Kopf zu nehmen und zur weiteren Bestraffung anhero zuliefern.
Nidda, den 11. November 1763, Bez. Amt daselben gez. G. Strecker
Die Oma schmunzelte und meinte: "Wenns im Winter so richtig kalt war und der Schnee hoch lag, war die Obrigkeit weit weg. So ein paar übermütige haben auch mal "über die Stränge geschlagen", und "wenn das Trinken nichts kostet, schluckt sichs besser", doch es hieß für alle: Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Am Ende des Winters mussten die Berge Wolle und Flachs versponnen und gewebt sein. Auch an die Armen des Dorfes wurde gedacht. Manches Paar Strümpfe und mancher "Wams", in der Spinnstube gestrickt, fanden zu Weihnachten den Weg in die Häuser der Notleidenden. Die Leute pflegten gute Nachbarschaft, denn auf gegenseitige Hilfe waren sie im Alltag angewiesen, anders als heute. Die richtige Spinnstube gibts leider nicht mehr, der Zusammenhalt im Dorf fällt auseinander. Es war eine schöne, ruhige Zeit damals. Wir mussten zwar harte Arbeit leisten, aber unser Vergnügen hatten wir doch in unserer Spinnstube."
"Vuhlsberger Raß"
De Grußvoater soaß uff de Owebank de Klaane uff eam Schuuß, Kraffane macht e allerhand doas hott der halt gout luhs.
Uff aamol kreischt de klaane Kerl ean sperrt ds Mäulche uff,
"Zeit eass aach zoum Foiren etzt", so saat de Aale druuff.
E hoalt e Krestche aus'm Sack douts ean soim Maul erwaiche, ean alss zoart ean mell dann woar, deart ers dm Kinnche raiche.
Doas oawwer schmatzt ean suggelt fest, Grußvoater macht doas Spaß. Aich oawwer lach ean denk debei: "Ächt Vuhlsberjer Raß."
Nach W. Würz und W. Schmalz und R. Koch.
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