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Leineweber und Nagelschmiede.

"Als ich noch ein ganz kleiner Junge war, saß ich mit Vorliebe bei älteren Leuten, um gespannt ihren Erzählungen von früher zu lauschen. Unvergesslich bleiben die schönen Winterabende, an denen die Öllampe in der Nähe des Ofens hing, die Großmutter spann, die Mutter strickte und wir Buben Bohnen kernten und zuhörten. Wir vernahmen von der Leineweberei des Großvaters, vom Nagelschmiedehandwerk des Urgroßvaters und erfuhren so von ihren Lebensschicksalen. Wir erlebten es, wie mit lautem Krachen die 3 Webstühle aus dem Oberstubenfenster in den Hof flogen, und verkrochen uns bei dem "Krach", den es gab, als der Großvater, der ehemalige Leineweber, seine Arbeitsgeräte zerschlug. Wir spielten "Suche", das Spiel unserer Kindheit, und bevorzugten "Kriemersch Schmedde" als Versteck, ohne zu ahnen, dass unser Urgroßvater hier jahrelang in fleißiger Winterarbeit Nagel um Nagel geschmiedet hatte.

Ich mühe mich seit vielen Jahren, meine Vorfahren in vergilbten Kirchenbüchern zu suchen, in ihre Lebensverhältnisse Einblick zu gewinnen, das dörfliche Leben und damit auch deutsche Geschichte lebendig machen zu können Bauern waren sie alle, daneben vielfach Handwerker, hauptsächlich Leineweber und Nagelschmiede. In der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts nahm ihnen die Maschine den Nebenverdienst und zwang sie, nach anderem Broterwerb Umschau zu halten. Die Handarbeit in diesen Gewerben fand um 1880 ihren Untergang. Uralt ist die Weberei. Sie fehlte in älterer Zeit in keinem Bauernhaus. Der Flachs (oder Lein, Faserpflanze zur Herstellung von Leinen) nahm dem Land­leben jede Ruhepause. Mühevoll und langwierig waren Anbau und Verarbeitung. Um Pfingsten übergab der Sämann den Leinsamen der sommerlichen Erde, um Fastnacht im nächsten Jahr war das Spinnen beendet, und das "Klipp, klapp" des Webstuhls klang in die stillen Dorfstraßen. Der Flachs wurde weder mit der Sichel noch mit dem Reff gemäht, weil sonst ein Teil der wertvollen Stengel verloren gegangen wäre. Man zupfte ihn mit den Händen, band ihn zu kleinen Bündeln und stellte ihn zu Hocken auf. Nachdem die Samen in den Knotten die letzte Reife erfahren hatten, fuhr man den Flachs bei sonnigem Wetter ein. Sobald es Zeit und Arbeit zuließen, wurden die einzelnen Stengel durch den Riffelkamm gezogen und von den Samenkapseln befreit. Damit die Knotten beim Dreschen leicht aufsprangen und den Samen freigaben, legte man sie auf ein großes Wagentuch in die Sonne. Nach der Arbeit mit dem Dreschflegel wurde der Drusch gegen den Wind geworfen, wobei sich Samenkörner und Spreu trennten. Später erleichterte die Fegmühle diese Arbeit.

Aus den kleinen, platten, braunglänzenden Körnern pressten die Schlagmühlen das Leinöl, das für die Herstellung wetterfester Farben ein unentbehrlicher Grundstoff war. Der Rückstand, der Leinkuchen, ergab ein gutes Kraftfutter für das Milchvieh, das Leinschrot ein Aufzuchtmittel für das Jungvieh. Nicht zuletzt schätzte man die heilsame Wirkung "gequellter" Leinsamen bei Schwellungen, Entzündungen und Geschwüren, das Leinsäckchen war daher in allen Haushalten zu finden.

Das Flachsstroh wässerte man so lange, bis seine holzigen Bestandteile morsch und brüchig waren. Das geschah in Tümpeln, Gräben oder an Quellen, danach folgte das Dörren oder "Rösten" auf trockenem Boden in der Sonne. Zeitaufwendig war die Arbeit an der Breche und Hechel, es gab wunde Finger, um die Flachsstengel zu brechen und von den holzigen Teilen zu befreien. Die letzte und endgültige Reinigung erfuhren die langen Flachsfasern auf dem Schwingstock. Der Flachs war nun spinnfertig. Die kurzen Fasern, das Werg, benutzte man als Dichtungsmaterial zu groben Stricken und Ackerleinen Gesponnen wurde ausnahmslos von Frauen, während den Männern das Weben zustand. Die Tuchbahnen konnten auf beliebige Längen und Breiten gewebt werden. Gröberes Tuch blieb naturfarben und ungebleicht und wurde zu Frucht- und Kartoffelsäcken, Tüchern für den Erntewagen, Säckchen und Beuteln verwendet. Das Leinen für die Bett- und Leibwäsche bleichte man an geeigneten Plätzen in der Sonne. Waren die Bahnen genügend gebleicht, rollte man sie nass zu Ballen und "platschte" sie mit dem "Blauel" (Wäscheklopfer). Nochmals aufgerollt, getrocknet und zusammen. Eine Weberstube gerollt verwahrte man das Leinen in Truhen oder im Weißzeugschrank.

Der alte "Bottermanns Ludwig", der letzte Webergeselle meines Großvaters, erzählt von seiner Arbeit: Ein Gewebe besteht aus sich rechtwinklig kreuzenden Längs- und Querfäden. Die Längsfäden heißen "Zettel" oder "Kette" und werden auf einem runden, drehbaren Holz, dem "Webebaum" aufgewickelt und waagerecht auf dem Webstuhl aufgespannt. Durch die "Geschirre" können die Kettfäden gehoben und gesenkt werden, und zwar mit den Füßen. Die Kette läuft durch den "Rietkanini" in der Weblade zum auf dein das Gewebe aufgerollt wird. Denken wir uns einmal die Fäden der Kette nummeriert. Werden durch ein Geschirr z.B. alle Fäden mit geraden Zahlen gehoben, so entsteht zwischen den geraden und ungeraden Fäden ein Zwischenraum, das "Fach". Dort hinein schießt der Weber den Querfaden, den "Einschlag". Der ist auf einer kleinen Spule aufgerollt, die in dem "Weberschiffchen" drehbar befestigt ist. Das Schiffchen wird vom Weber mit der Hand durch das Fach geschleudert. Hierauf senkt ein Tritt auf den nächsten Schaft die geraden Fäden und hebt die ungeraden. Das Schiffchen saust, von der anderen Hand geworfen, durchs Fach. Nach jedem "Schuss" lässt der Weber die Weblade gegen den Querfaden anschlagen und presst ihn dadurch an den schon gewebten Stoff. Das klingt kompliziert, aber die Übung macht den Meister.

Der kleine Bub, der durchs Fenster nach dem Schnee schielt und die Sehnsucht kaum bezwingen kann, mit den Kameraden auf der Schlittenbahn zu toben, sitzt am "Spulrad" und spult den Einschlag, endlich abgelöst von der Mutter. Alle Familienmitglieder arbeiten hart, das kärgliche Stück Brot, das die kleine Landwirtschaft abwirft, zu mehren .

Das Geschäftsbuch meines Großvaters gestattet einen Einblick ins Leben eines Leinewebers vor 100 Jahren. 1873 webte der Geselle Wilhelm Böcher in etwa dreiviertel Jahren 1698 Ellen (1200 m), die dem Meister 164 Gulden einbringen, wovon der Geselle 1/3 = 54 Gulden 40 Kreuzer erhält. Zu diesem für die damalige Zeit sehr annehmbaren Verdienst, der wesentlich höher ist als der Jahreslohn eines Knechtes, kommen noch freie Kost und Wohnung. Wer will es da dem trinkfesten "Böcher-Wilhelm" verübeln, dass er zur Kirmes 8 Gulden "Schuss" braucht. Dem Gesellen geht's wohl, aber der Meister muss ihm bei der Abrechnung 15 Gulden schuldig bleiben, zu "Resten aus vorderen Jahren", insgesamt 110 Gulden. "König Baumwolle" erwürgt den heimischen Flachs, die Maschine schiebt den wurmstichigen, verstaubten Webstuhl in die dunkle Ecke. So um 1880 .

Was nun? Der Großvater wirft keineswegs die "Flinte ins Korn" und geht nicht, wie so viele, über das Wasser nach Amerika. Er ist beweglich genug, Händler zu werden. Frucht, Obst, Heu, Holzerzeugnisse schafft er nach Friedberg und Frankfurt. Eine "Russenfabrik" für Backsteine ersteht am "Storch". Wie viel tausend Wagen "Russen" mag der unermüdliche Mann in die Nachbardörfer gefahren haben? Das 1883 unterhalb des Dorfes gebaute Sägewerk der Firma Himmelsbach bringt fünf Pferde in den Hof. Im ganzen Vogelsberg werden Großvater und Vater bekannt. Selbst im Schlitzer Land holen sie Holz für das Sägewerk. Die Eisenbahn pfeift seit 1888 im Niddatal. Sie lässt zwar das Sägewerk aufblühen, gibt zunächst dem Holzfuhrmann auch mehr Verdienst, aber bald bringt sie Holz aus der Fremde und schaltet den dörflichen Händler fast völlig aus.

Nach dem "Klipp, klapp" der Weber fällt auch das "Klingeling" der Nagelschmiede der neuen- Zeit zum Opfer. Durch 300 Jahre stehen die Handwerker am Amboss und schlagen aus glühendem Eisen alle Arten von Nägeln heraus, den Nagel zur Wiege, den Nagel zum Sarge. Der neue zierliche Drahtstift besiegt den derben Speichennagel. Schon um 1580 bezieht ein "Götz, Zaineisen vom Hirzenhainer Hammer" und gibt fertige Nägel als Entgelt. Der Eichelsdorfer Eisenhammer, der die schwer schmelzbaren Eisensteine der "Eisenkaute" und der "Arzbach" auswertete, ist bereits früher verschwunden. Das Oberschmittener Eisen ist zu "schifferig" (blätterig) und nur zu landwirtschaftlichen Geräten brauchbar. Schon früh um 4 Uhr stehen die Nagelschmiede hinter dem Amboss. Nie arbeitet einer allein. In "Kriemersch Schmedde" sinds ihrer acht. Eifrig trabt der Hund "Bello" im Tretrad und treibt den Blasebalg. "Zwei Eisen hat der Nagelschmied im Feuer liegen". Das eine nimmt er mit raschem Griff heraus und schmiedet im Handumdrehen die Spitze, schlägt es in der benötigten Länge auf dem Schrotmeißel halb durch und steckt das umgeknickte Ende in die "Warze" des Nageleisens. Beim nächsten Hammerschlag bricht das Eisen durch, und mit hurtigem "Klingeling" ist der Nagelkopf geformt. Eisen und Hammer heben den fertigen Nagel heraus und schnicken ihn auf den Ambossstock. Das Eisen flitzt ins Feuer, sein Kamerad zischt heraus, und schon unsere Augen können kaum folgen fliegt ein weiterer Nagel auf den Stock. Um 8 Uhr, wenn jeder etwa 1000 Nägel fertig hat, geht's zur Morgensuppe. Nach der Mittagspause löst der "Karo" den "Bello" ab. Der Schmied steht aber bis zur sinkenden Nacht mit leicht gebeugtem Rücken, gehobener rechter Schulter und gekrümmtem rechten Ellenbogen vor seinem "Stock". 3000 Nägel sind oft an einem Abend fertig. Und der klingende Lohn für diesen Fleiß? Der Tagesverdienst mag etwa 1,50 Mark betragen haben - ein annehmbarer Lohn, wenn nicht 14 - 15 Stunden anstrengendster Arbeit die Gegenleistung gewesen wäre, die dem Körper für immer den gekrümmten Rücken und die hohe Schulter aufprägte.

Im "Zwerchsack" wandern die fertigen Nägel zu dörflichen Geschäftsleuten der Umgegend, zum Kaufmann nach Nidda, hinüber ins Niddertal. auf den Ortenberger "Kalten Markt", bis nach Ulrichstein und Stumpertenrod über den Vogelsberg. Mit 60 Pfund Nägeln auf dem Buckel dorthin marschieren, tagsüber hausieren und abends in den Spinnstuben den Burschen ihre Mädchen abspannen - unverwüstliche Menschen! Und wenns auch mal spöttisch von der Ofenbank her klingt "Kennt ihr nicht das schöne Lied?" ... (von den Nagelschmieden), manch Mädchen aus dem hohen Vogelsberg lernt einen lustigen Nagelschmied aus der "Hainbuchenwetterau" lieben.

Sommers ruht die Arbeit des bäuerlichen Handwerkers. Nur eilige Bestellungen werden an Regentagen erledigt. Wenn Ruhepausen im landwirtschaftlichen Betrieb es gestatten, köhlert der Schmied. Schon im Winter hat er das Holz gespalten, damit es bis zum Sommer durch und durch trocken wird. In der Nähe des Holzstoßes wird ein kreisrunder Platz von etwa 5-6 Meter Durchmesser so tief ausgegraben, dass eine ebene Fläche entsteht. Die Scheiter werden dicht nebeneinander gestellt, und darauf kommt nochmals eine Schicht. Laub und darüber eine Rasen- und Erddecke schließen die äußere Luft ab, die nur durch einige Zuglöcher an den Seiten Zutritt erhält. Durch einen niedrigen Kanal schiebt der Köhler Feuerbrände unter die Mitte des Holzhaufens, und bald rauchen am Irrhaus, in der Buchwiese, am Kohlplattenweg, im Hermannsgrund und im Alteberg die Meiler. Tag und Nacht wacht der Köhler, um durchbrennende Flammen sofort mit Erde zu ersticken. Wenn der Meiler ausgegangen und erkaltet ist, wird die Decke entfernt, und die Holzkohlen für das Schmiedefeuer werden nach Hause gebracht .

Ganz ohne geschichtlichen Hintergrund wird "das schöne Lied" nicht entstanden sein. Der Nagelschmied ist weit beweglicher als der "knickerige" Leinweber und seine "saubere Zunft". Manch "blauer Montag" unterbricht die Fron der sauren Wochen. Der 2. Januar ist des Nagelschmieds höchster Feiertag. Schnaps, Wurst, Käse und Heringe gibts in Hülle und Fülle. Und auf dem Heimweg liegt manchmal alles auf einem Haufen. Um 1885 kommt das Ende. Jedermann greift nach dem billigen und handlichen Fabriknagel. Umsonst kann der Nagelschmied bei aller Genügsamkeit auch nicht arbeiten. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert und mit einem derben Fluch fliegt der Hammer in die Ecke.

Nach W. Würz.


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