Sie sind hier: Erzählungen. Wie die Kartoffeln ins Land kamen.
Sie brannten wieder einmal, die Kartoffelfeuerchen auf dem "Rod", am "Weinberg", am "Streckberg". Wundervolle Herbsttage schenkte uns der Oktober. Hingen auch in der Morgenfrühe dicke Dunstwolken vor der Sonne, bald siegte sie über die Nebelgeister und guckte aus blauem Himmel hernieder auf das Gewimmel auf den Kartoffelfeldern. Groß und klein regte sich, und lange Reihen weißer Säcke standen bald hinter den fleißigen Arbeitern. Kinder umjubelten die qualmenden Kartoffelfeuerchen, Wagen wurden beladen und knarrten heimwärts, die Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen das Dorf unten im Tal, die ersten Schneegänse flogen krächzend nach Süden, die Schornsteine rauchten so friedlich. "Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar." Weißt du noch, wie schön es war, wenn wir an den Herbsttagen um die Feuerchen lagen und Kartoffeln brieten? Weißt du es noch, wie wir gar manchmal eilig den Rückzug antraten, wenn der alte "Schütz" in Sicht kam? Heute sinds andere Buben, ein anderer "Schütz" ists, aber am "Eichköppel" brennen noch immer die Kartoffelfeuerchen.
Und dann die Freuden daheim! Wenn der Vater die schweren Säcke in die Stube schleppte, und wir umstanden das geheimnisvolle Loch im Fußboden, wie lustig schippelten dann die Kartoffeln hinunter in den Keller aufs Kartoffelbett! Wie herrlich schmeckten die neuen Kartoffel, die die Mutter auf den Tisch stellte, wie rissen wir uns um die "Krätzerchen"! Wir konnten damals nicht verstehen, dass es Zeiten gegeben hatte, in denen Kinder sich nicht Sattessen konnten. Wie unfassbar war uns, wenn der Großvater erzählte, dass er in den Notjahren 1845 und 47 kaum die Setzkartoffeln erntete, dass die Eichelsdorfer armen Kinder zwei, drei Tage hintereinander wegen eines Laibchens Brot nach Rainrod liefen und sich vor dem Backofen des Müllers Vieh ums heiße Brot zankten und schlugen.
Es werden mehr als 200 Jahre her sein, dass die Kartoffeln ins Land kamen. So um 1750. Seit Jahrzehnten lag unser Hessenland danieder. Die Jagdleidenschaft und Bauwut zweier Landgrafen hatten durch Abgaben und Frondienste den Bauern zum armen Mann gemacht, dazu kamen schlechte Ernten. Das ausgemergelte Äckerchen am Berghang lieferte immer magerere Erträge. Kein Wunder, wenn die Hirsche Nacht für Nacht hier austraten. Immer mehr Land blieb liegen. Wozu sich abmühen? Des Landgrafen Zehntscheuern und Hirsche brachten den abgerackerten Vogelsberger Bauern ja doch um den Lohn seines Schweißes. In dumpfer Hoffnungslosigkeit dämmerte man dahin. Da kam ein neues Gewächs ins Land. Die Knollen blieben zehntfrei, die Hirsche mieden die Acker mit der "neumodischen Frucht". Der Bauer horchte auf... Aber der Landgraf wünschte den Anbau der "Cartophel". Da musste doch etwas dahinterstecken! Und der durch Bedrückung misstrauisch gemachte Vogelsberger Bauer wehrte sich mit Händen und Fußen gegen den Kartoffelanbau. Die Siebenjährige Krieg kam (1756-1763). Auch in den Vogelsberg. Bald Freund, bald Feind. Einer wie der andere nahm jeder, was er brauchte für Mensch und Vieh. Endlose Durchmärsche. Fuhren nach Gießen, Butzbach, Hanau. Sein eigenes Korn musste der Bauer ins Magazin fahren. Ihm blieb nur das, was Steinmauern und Hecken vor den Blicken der hungrigen Soldaten verbargen. Manchmal nur ein Geback Brot oder zwei. Wie froh war da der Bauer, wenn er die paar mit Widerwillen angepflanzten "Cartopheln", die kein Soldat mochte, für sich und die Seinen gerettet hatte. Wie köstlich schmeckten sie mit Kümmel und Salz! "In der Not frisst der Teufel Fliegen". "Hunger ist der beste Koch".
In schwerer Notzeit lernten die Menschen die mit Misstrauen aufgenommene Kartoffel schätzen und lieben. Das Eis war endlich gebrochen. Von Jahr zu Jahr mehrten sich die Kartoffeläcker im Brachfeld. Lehrgeld musste bezahlt werden. Gar zu oft erfror das "Cartoffelgraß", wenn die Knollen zu früh in die Erde kamen. Aber bald hatte Väterweisheit den Spruch geprägt: "Setzt du mich im April, komm ich, wann ich will; setzt du mich im Mai, komm ich gleich herbei". Und nun hob sich des Vogelsberger Bauern Mut. Der noch 1766 in Scharen nach Russland an die Wolga gegangen war, stand wieder mit beiden Füßen fest auf der Heimaterde. Der Jagdnarr Ludwig VIII. war 1768 gestorben. Sein Sohn, Ludwig IX., warf das gesamte Jagdwesen über Bord und wurde ein "Soldatennarr". Aber Pirmasens war weit weg, wenns nur um Zwiefalten still war. Willig folgte der Vogelsberger Bauer dem Minister von Moser, der seit 1772 in Darmstadt mit eiserner Hand durchgriff und das Hessenland vor dem Bankrott rettete, als dieser einen stärkeren Anbau der Kartoffel empfahl. Die Hirsche wurden abgeschossen, manch lange Jahre wüst gelegenes Ackerchen wurde wieder gerissen. Trug es früher nur wenig Korn, die Kartoffelsäcke standen einer am anderen. Das machte Spaß. Des Bauern Selbstvertrauen kehrte wieder, Hirsche und Krieg waren vergessen. Jeder wollte die dicksten Kartoffeln ernten. Die Kartoffel hatte das Feld erobert! Der Fruchtanbau ging merklich zurück. Die Müller im Nidda- und Horlofftal und überall im Vogelsberg klagten wegen starken Rückgangs des Mahlgutes auf etwa die Hälfte.
Die Kartoffel um 1750 mit Misstrauen im Lande aufgenommen, um 1760 Brot", wenn der Soldat sein Magazin gefüllt hatte, um 1770 Retter des Bauern aus dumpfer Verzweiflung wer könnte diese Ackerfrucht heute missen?
Nach W. Würz.
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