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Johanniter in der Grafschaft Nidda.

Die Johanniterurkunde von 1187.

Die Johanniterurkunde von 1187.

Wörtliche Übersetzung der Urkunde von 1187 von Dr. Hans Lentz, Bad Salzhausen

Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit.

Bekannt sei allen an Christus Glaubenden, sowohl den zukünftigen als auch den gegenwärtigen, dass der Graf Bertold, ein Mann aus dem Adel, mit jeder Tugend ausgezeichnet, aus Liebe zu Gott zum Freikauf von seinen Sünden und für die Erlösung der Seelen seines Vaters und seiner Mutter und seiner übrigen Vorfahren die Pfarrei Nithehe mit allem Zubehör übergeben und überreicht hat dem heiligen Hospital des heiligen Johannes des Täufers in Jerusalem im Jahre 1187 der Fleischwerdung des Herrn, zu der Zeit Kaiser Friedrichs, unter Zustimmung des Kaisers selbst und auch unter Vorsitz des Legaten der römischen Kirche, nämlich Cuonrad, des Erzbischofs derselben Kirche und des Bischofs der Kirche von Sabina. Da ja, wenn die Wahrheit ins Wanken gerät, Lügner es fertig bringen, dass denen, welche die Wahrheit sagen, kein Glauben geschenkt wird, ist durch die kluge Entscheidung der Väter dafür Sorge getroffen worden und hat das Ansehen der Kanones (kirchlichen Gesetze) unverbrüchlich festgesetzt, dass dieses und diesem ähnliches Geschriebenes unter dem Eindrücken des Siegels bekräftigt wurde. Es ist aber dieses gemacht worden bei dem jährlichen Kapitel (Versammlung) desselben Hospitals in Jerusalem, wobei alle seine (=Bertolds) Erben ihre Zustimmung gaben. Zeugen für diese Sache sind: Arleboldus, der Prior von Deutschland und der ganze Konvent sowohl der Geistlichen als auch der Laien. Außerdem sind Zeugen die Edelleute: Wezelin, Dipold, Walter, Bertram, Wigand, Helwig, Wigand, Wezelin, Luodewig, Cuonrad, Luodewig, Giselbert, Gerhard, Cuono, Diethric, Dammo, Leuprand, Dithwin und viele andere Männer und Frauen. In dem Dorf dieser Pfarrei sind enthalten 6 Hufen und 6 Höfe und der ganze Zehnte dieses Dorfes, - in dem anliegenden Dorf, das Runo heißt, 3 Höfe und ein großer Teil des Zehnten, - in Rembach der ganze Zehnte, - in Wolfhardeshusen 3 Hufen und 3 Höfe, die 8 Schilling (= Solidus) abgeben müssen, von denen 6 für die Beleuchtung sind, 2 zum Nutzen für die Brüder, - in Michelenowa 1 Hufe und 1 Hof, der 3 Schilling abgibt, - in Stedeaeld der kleinere Zehnte, - in Salzhusen der kleinere Zehnte und der größere Zehnte von 24 Acker, - in Coden der kleinere Zehnte, - in Bonlant der kleinere Zehnte, - in Wanoldeshusen der kleinere Zehnte und ein Hof, der 1 Schilling (= Solidus) abgibt und zwei Masthühner, - in Hadebrachdeshusen ein Hof mit ein paar Acker, die 2 Schilling abgeben, - in Leizaha der kleinere Zehnte und ein Hof mit einer Hufe, die 2 Schilling abgeben, - in Nithorne eine Hufe und ein Hof, der 2 Schilling abgibt, - darüber hinaus auch ein zweites Hofgut, das 6 Denare abgibt, - in Waeninges eine Hufe und eine Hof, sie geben 2 Schillinge ab, - in Geldenhore ein Malter Käse, - in Volcmarshusen eine Hufe und ein Hof, sie geben 2 Schillinge ab und einen halben Malter Käse, einen Malter Hafer und 2 Masthühner, eine Amphore Wein und vier Brote, - in Einhardeshusen ein Hofgut, das 1 Schilling abgibt, - in Winderingeshusen 2 Höfe und 2 Hofgüter, sie geben 4 Schillinge ab, 4 Masthühner, 6 Brote, eine Amphore Wein, - in Asechenrode ein Hofgut, es gibt 6 Denare ab. Das ist der Zubehör zur Pfarrei in Nithehe, von der wir vorher ge­sprochen haben. Zu dieser Mutterkirche gehören 2 Tochterkirchen mit allem, was zu diesen Kirchen gehört, nämlich Eigelesdorph, Richolveshusen. In Eigelesdorph geben 3 Hufe und 2 Höfe 8 Schillinge ab, 4 Masthühner, eine Amphore Wein, einen Malter Hafer. In demselben Dorf gibt ein Hofgut 20 Denare ab, - in Vroneholz 40 Denare an Petri Stuhlfest (d. i, d. 22. Febr.), - das ganze Volk dieser Kirche 5 Schillinge, - der dritte des größeren Zehnten derselben Kirche und der ganze kleinere Zehnte sc. (das heißt) wird abgegeben, - in Vdenhusen der kleinere Zehnte, - in Richolaeshusen ein Hofgut, das 2 Schilling abgibt. In Vdenhusen eine Mühle, die 6 Schillinge abgibt, 4 Brote, 2 Masthühner, eine Amphore Wein. In Strithagen ein Malter Hafer. In Rifrideshagen ein Malter Hafer. In Eigelessahscen ein Malter Hafer. In dem anderen Eigelssahscen einen halben Malter Hafer. In Habechesbach ein Malter Hafer. In Salzhusen ein Malter Hafer. In Coten ein Malter Hafer.

Anmerkungen nach Brockhaus: 1 Denar = (so viel wie Pfennig) unter den Karolingern in Deutschland und Frankreich= 1/12 Solidus 1 Schilling = der Karolingischen Währung= 12 Denare Mithin ist 1 Schilling als 1 Solidus zu werten. Hufe = ist landw. Nutzfläche (20 - 40 Morgen) von einer Familie bearbeitet und von einem Gespann bestellt. Amphore = ist Flüssigkeitsmaß - griechisch = 39 Liter, römisch = 26 Liter.

Erläuterungen 1 bis 25 zur Übersetzung der Urkunde aus dem Jahre 1187

1) Zubehör, d. i. mit allen Einkünften 2) Hospital, d. i. Krankenhaus, Armenhaus, Herberge 3) Iherosolima, d, i. Jerusalem 4) Fridericus, d. i. Friedrich 1., Friedrich Barbarossa 5) eine andere Übersetzungsmöglichkeit war: und auch unter dem Vorsitz des Legaten der römischen Kirche bei der Mainzer Kirche. 6) damit ist gesagt, daß Counradus Kardinal war. 7) Kanones, das sind die kirchlichen Gesetze 8) Kapitel, d. i. die Versammlung des Ordens 9) übersetzt xenodochium, d. h. Fremdenhaus, Gasthaus, Herberge 10) sociata manu, d. i. zu gesamter Hand (jurist. Ausdruck) 11) d. h. Bertholds 12) d, h. der Vorsteher des Johanniterordens für die Ordensprovinz Deutschland 13) Konvent, d. i. Versammlung 14) wörtlich: und andere Männer und Frauen, von denen es keine Zahl gibt. 15) d. h. nach der Schenkung zu entrichtende Abgaben 16) IIufe, d.h.landwirtschaftliche Nutzfläche, von einem Gespann bestellt, etwa 30Morgen 17) 1 Solidus = 12 Denare (Denar so viel wie Pfennig) 18) Acker, d. i. ein altes Feldmaß, das dem heutigen Morgen entspricht. Es war örtlich verschieden groß; Ein Niddaer Lokalmorgen hatt 1932 qm. 19) wörtlich: Mastvögel = Mastgeflügel, könnten also auch Enten oder Gänse gewesen sein. 20) Der Unterschied zwischen Hof (curia) und Hofgut (predium) ist unklar. 21) in der Handschrift a. überschrieben: waeninges 22) das Malter, d, i. ein altes Gewichtsmaß, in Oberhessen 128 Liter Inhalt. 23) Amphore, d. i. Flüssigkeitsmaß, nach Brockhaus: römische A. = 26 Liter 24) Petri Stuhlfeier, d. i. der 22. Februar. Diese Zeitangabe kann auch zum Vorher­ gehenden gehören. 25) Von "In Vroneholz ..." bis hierher sind die grammatischen Bezüge unklar.

Von der abgebildeten Urkunde war leider vor der Übernahme durch das Staatsarchiv das Siegel abgerissen, das an einem Pergamentstreifen gehangen zu haben scheint. Daher ist auch nicht bekannt, ob überhaupt und wenn ja, welches Wappen bzw. Siegel die Grafen von Nidda führten, wie es in seinen Trinkturen (Farben) und im Bild aussah. Mit Graf Berthold 11. von Nidda erlosch der Stamm der Grafen von Nidda. Sein Sterbe­jahr ist nicht bekannt. Da er aber 1191 zuletzt erwähnt wurde, ist anzunehmen, daß er um die Jahrhundertwende starb. Im Jahre 1205 wird Graf Ludwig IL von Ziegenhain als Nachfolger urkundlich erwähnt.

Aus der Übersetzung und der Kartenskizze zur Urkunde ist erstmals die Ausdehnung der Johanniterkommende und dadurch mit Sicherheit auch die Größe und Ausdehnung der Grafschaft Nidda erkennbar. Es war kein zusammenhängendes Gebiet, sondern z. T. Streubesitz. Verbindliche Aussagen können hierzu aber nicht gemacht werden, da urkundliche Nachweise vor 1187 und danach nicht vorhanden sind.


Nach der Urkunde von 1187 zur Parochie Nithehe gehörend:

Johanniterurkunde

Schwarzer Punkt: ausgegangene Orte nach untenstehender Aufstellung Nr. 1-13 Heller Punkt: bestehende Siedlungen.

Nr. Namen / ungefähre Lage

1 Bonlant / in der Gemarkung Harbwald, nördlich Bad Salzhausen. 2 Stedeveld = Stehfeld / Flur südlich Nidda. 3 Wolfhardeshusen / zwischen Nidda und Ranstadt, näher bei Ranstadt. 4 Rambach / nördlich Wallernhausen, in Richtung Fauerbach. 5 Hadebrachdeshusen / nördlich der Krötenburg bei Nidda am östlichen Niddaufer. 6 Richolveshusen = Rechelshausen / östlich von Unter-Schmitten. 7 Habechesbach = Haisbach / etwa 3 km nordöstlich von Michelnau. 8 Rifrideshagen = Reifertshain / in Gemarkung Eichelsachsen, etwa 2 km südlich davon. 9 Strithagen = Streithain / nördlich von Glashütten an der Straße nach Eichelsachsen heute: einzelne Bauernhöfe. 10 Nithorne - das Niedern / Flur im Niddergrund nördlich von Steinberg ehemalige Waldschmiede und Erzgrube. 11 Volcmarshusen / 1 1/2 km südlich Schotten im Läunsbachtal. 12 Vroneholz / zwischen Stornfels und Ulfa, nördlich von Ulfa. 13 Udenhusen / am Westabhang der Flur "Weinberg" nördlich von Eichelsdorf.

von Dr. Hans Lentz, Bad Salzhausen.


Die Johanniter in der Grafschaft Nidda.

Die Johanniter, der älteste geistliche Ritterorden, prägten im Mittelalter für etwa 400 Jahre das religiöse, politische und wirtschaftliche Leben in unserem Raum mit, doch die Spuren ihres Wirkens hat die Zeit verweht. Lediglich zwei steinerne Zeugen sind uns über die Jahrhunderte erhalten geblieben: Der "Johanniterturm" in Nidda (erbaut 1491/92 von dem Orden) und die Kirche in Eichelsdorf (dem Orden übereignet). Bedeutung für die Gegenwart erhält allerdings für einige Dörfer zwischen Nidda und Vogelsberg eine überkommene Urkunde, die eine Schenkung an die Johanniter betrifft, und in der außer der Jahreszahl auch die Namen von 27 Orten in unserem Bereich aufgeführt sind. Für die Siedlungsforschung gilt der erste schriftliche Nachweis eines Ortsnamens als Gründungsjahr, so dass aufgrund dieser Bestimmung Eichelsdorf und andere Nachbardörfer nach dem genannten Jahr 1187 heute die 800-Jahrfeier begehen können, obwohl sie schon lange vorher entstanden sind (Eichelsdorf vermutlich um 770). Diese Schenkungsurkunde (ohne Orts- und Zeitangabe) liegt im Original vor und wird im Darmstädter Staatsarchiv aufbewahrt. Der Inhalt des Dokumentes berichtet von der Übergabe von Besitz und Einkünften (im Namen) des Grafen Berthold II. von Nidda an "das heilige Hospital des heiligen Johannes des Täufers in Jerusalem" (ursprünglicher Name der Johanniter). Der Vertrag verzeichnet die eigentliche Schenkung der Pfarrei Nidda mit allem Zubehör, die Zeugen (der Ordensprior von Deutschland, der Konvent, dazu Adlige und andere Männer und Frauen), sowie die genaue Aufzählung der geschenkten Güter in umliegenden Dörfern. An der Urkunde fehlt zwar das (vermutlich abgerissene) Siegel, aber im Text wird ausdrücklich Wert gelegt, dass "das Geschriebene unter dem Eindrücken des Siegels bekräftigt wurde."

Dr. Hans Lentz, Bad Salzhausen, hat das lateinische Original ins Deutsche übersetzt und Erklärungen angefügt, so dass auch für Laien der Inhalt verständlich wird. Unser Dorf betreffend, heißt es in der Niederschrift: "... Zu dieser Mutterkirche (Nidda) gehören 2 Tochterkirchen mit allem, was zu diesen Kirchen gehört, nämlich Eigelesdorph, Richolveshusen. In Eigelesdorph geben 3 Hufe und 2 Höfe 8 Schillinge ab, 4 Masthühner, eine Amphore Wein, einen Malter Hafer, ... gibt ein Hofgut 20 Denare ab." 26 Gemeinden der näheren und weiteren Umgebung Niddas werden in der Schenkung genannt, die Hälfte davon existieren heute nicht mehr. Mit dieser Urkunde und später ausgestellten erhalten wir erstmals einen Einblick in die Siedlungsgeschichte und die Wirtschaft der damaligen Grafschaft Nidda. Die großzügige und reiche Besitzübereignung an die Johanniter dürfte auch der Anlass gewesen sein, dass der Orden in Nidda sesshaft wird und neben Nieder-Weisel (bei Butzbach) hier eine weitere "Komturei" gründet (26.07.1234). Die Güter der Johanniter nahmen wohl keinen geschlossenen Flächenraum ein, sondern waren so genannter Streubesitz (wie auch andere Liegenschaften der weltlichen und geistlichen Herren im Mittelalter) und verteilten sich über das Gebiet der oberen Nidda und Nidder. Dem Leser stellt sich nach dieser umfangreichen Schenkung die Frage nach der Bedeutung der Johanniter vor 800 Jahren. Wie die ursprüngliche Bezeichnung angibt, wurde der Orden in Jerusalem gegründet. Nachdem die "heilige Stadt" im ersten Kreuzzug 1099 erobert worden war, schlossen sich adlige Ritter mit Brüdern eines Hospitals in der Nähe der Grabeskirche zu dem Orden zusammen, der die Verteidigung und Ausbreitung des christlichen Glaubens und ebenso den Dienst am kranken Menschen zur Aufgabe hatte. Man wählte als 'Schutzheiligen Johannes den Täufer. Zur Ordenstracht gehörte ein Mantel von schwarzer Farbe (im Krieg rot) mit einem weißen, achtstrahligen Kreuz auf der linken Seite. Aus der Vereinigung von Rittern des Schwertes und der Krankenpflege dienenden Brüdern ergab sich der Doppelauftrag der Johanniter. Die Ordensbrüder wurden in 3 Klassen eingeteilt: in Ritter (adlige Herkunft), in Priester (Kirchendienst) und Brüder (Krankenpflege). Rasch blühte der Orden auf und verbreitete sich fast über alle christlichen Länder. Der Zudrang in diese Gemeinschaft war so stark, dass die Mitglieder nach den verschiedenen Nationen gruppiert wurden. Die Großpriorate (Verwaltungsbezirke) der einzelnen Länder gliederten sich in regionale Priorate, Balleyen und, als kleinste Einheiten, in Kommenden oder Komtureien. Die erste Niederlassung in Deutschland überhaupt entstand 1150 im heutigen Duisburg. Der deutsche Johanniterorden besteht auch heute noch und betreut Krankenhäuser, Altersheime und bildet Schwestern aus. Vielen bekannt ist die "Johanniter-Unfall-Hilfe", die sich im Rettungsdienst, im Einsatz bei Katastrophen und in der häuslichen Krankenpflege bewährt.

Die Johanniter tauchten also gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Nidda auf, übernahmen die ihr vermachten Güter und begannen mit dem Aufbau der Komturei. Innerhalb des Klosterbereiches um die alte Pfarrkirche an der Nidda entstand nach und nach eine stattliche Siedlung. In einer Urkunde werden Komturhaus, Backhaus, Brauhaus, Wohnhäuser, Scheunen und Ställe aufgezählt. In der Klosterschule lehrte ein Schulmeister die Kinder das Lesen und Schreiben, und ein "Bubenmeister" bildete Chorknaben im Singen aus. Anhand vieler Schriftstücke weist der Heimatforscher Dr. Kraft nach, dass die Johanniter durch Ankauf und weitere Schenkungen im Laufe der Zeiten ihren Besitz beachtlich vergrößerten und durch zielbewusste Wirtschaftspolitik angesehene Grundherren wurden. Der zunehmende Wohlstand des Ordens scheint sich aber nicht nachteilig auf die Beziehungen zu der Stifterfamilie, den Grafen von Nidda und ihren Nachfolgern, ausgewirkt zu haben. Obwohl die Komturei zu ihrem Schirmherrn in einem Abhängigkeitsverhältnis stand, pflegten sie im allgemeinen einen freundschaftlichen Verkehr miteinander. Gute Einkünfte und auch Einfluss brachte den Johannitern die Berechtigung zur Erteilung des Ablasses (verliehen am 20.11.1357). An bestimmten Tagen wallfahrten unsere Vorfahren als gläubige Christen zu der Pfarrkirche nach Nidda und zu den unterstellten Kirchen nach Eichelsdorf und Rechelshausen. Die Akten geben auch Zeugnis von freigebigen Stiftungen an die Kirche von einfachen, frommen Leuten, ebenso wie von Adligen bis zum Landgrafen von Hessen. Erste wirtschaftliche Schwierigkeiten der Johanniter begannen sich im 14. Jahrhundert abzuzeichnen, der Höhepunkt der Entwicklung war überschritten. Die Eintragungen von Grundstücksverkäufen, zunächst nur hin und wieder registriert, nahmen im Laufe der Jahre zu, die Einnahmen verschlechterten sich zusehends. Mit der Einführung der Reformation 1526 in Nidda verlor die einst so mächtige Komturei an Bedeutung und Einfluss. Zwar behielt das Johanniterhaus noch bis 1585 das Recht, Geistliche zu bestellen, doch im selben Jahr wurden nach längeren Verhandlungen der gesamte Besitz und alle Rechte gegen eine jährliche Rente von 350 Gulden an den Landgrafen Ludwig von Hessen Marburg verkauft. Damit endete die über Jahrhunderte dauernde Tätigkeit des Ordens in Nidda und Umgebung.

Für diejenigen Leser, denen "trockene" Urkunden und nüchterne Darstellung über den Zeitablauf nicht aussagekräftig genug erscheinen, soll im Anhang eine "Geschichte" wiedergegeben werden. Sie erzählt von dem Leben und Treiben in der Johannitersiedlung während der Blütezeit im 13. Jahrhundert:

Es ist Frühmorgen. Die Glocken der Johanniterkirche rufen den Komtur, den Prior, die geistlichen und weltlichen Brüder in das Dämmerdunkel des Kirchenschiffes zur Frühmesse. Gestärkt durch die Morgenandacht geht jeder an seine Arbeit. Bald herrschte in dem Wirtschaftshof lärmvolles Getriebe. Knechte und Mägde eilen zwischen Vorratshäusern, Scheunen und Ställen eifrig hin und her und füttern die Tiere. Zinspflichtige Bauern des Johanniterhauses fahren mit lautem Peitschenknallen hinaus, um die Acker zu bebauen. Im Brauhaus wird frisches Bier gebraut, und aus dem nahen Backhaus duftet es nach kernigem Roggenbrot und süßen Brezeln und Kringeln. Pächter von Johannitergütern aus der Umgebung der Stadt liefern Säcke mit Korn, Gerste und Hafer ab, auch Malter Käse, Hühner und ein Fass Wein. Ein Müller zahlt von seiner Mahlmühle das festgesetzte Mahlgeld, ein Pächter den schuldigen Zins in der Amtsstube, in Gulden, Albus und Heller. Sorgfältig trägt ein Johanniterbruder die Beiträge in das dicke Wirtschaftsbuch ein und verschließt das Geld in einer eisernen Truhe. Im Komturhaus ist gerade ein Kaufbrief fertig gestellt worden. Er ist noch in lateinischer Sprache abgefasst, von einem schreib- und lateingewandten Ordensbruder mit sauberen Buchstaben auf Papier geschrieben. Ein Pächter erwirkt einen günstigeren Pachtvertrag. Arme Bauern bitten um Stundung der Abgaben. So werden mancherlei rechtliche Angelegenheiten erledigt, u.a. wird über Fischerei, Schäferei, Wildschaden, über Renten und Zinsen verhandelt. Auch ein Kreditgeschäft mit einem verschuldeten Adligen wird abgeschlossen. Unaufhörlich knistert die Feder des Schreibers über die Papiere. Ruhig und verständig erteilt der Komtur auf die vielerlei Fragen Bescheid. Schließlich kommt noch der angesehene Ritter Wigand von Nidda. Bei einem Schluck Rheinwein vermacht der Ritter dem befreundeten Komtur den Waldzehnten von Ober-Lais. An der Pforte stehen sie noch lange im Gespräch zusammen, der Komtur im schlichten, schwarzen Ordenskleid mit dem weißen Kreuz an der linken Seite, und der einfache Ritter im Lederkoller, mit dem Schwert an der Hüfte und der Sturmhaube auf dem Kopf. Lächelnd blicken sie zum Nachbarhaus hinüber und lauschen eine Zeitlang. Aus der nahen Schulstube schallt frischer Gesang der Knaben, die der "Bubenmeister" als Chorknaben ausbildet für den Gottesdienst. Umso freier und froher singen die Jungen, da sie vorher die harte Zucht des "Schulmeisters" in der "Scolmesterie" gespürt haben. Handwerker im Dienst des "heiligen Hauses" stellen Kleider und Leinen, Schuhe und Geräte her. Es geht laut und lustig im Handwerkerhaus zu. In der abseits gelegenen, ruhigen Krankenstube betreut der Bruder Arzt einen alten, kranken Mann mit Arzneitropfen, die er aus den Heilpflanzen des Klostergartens hergestellt hat.

Als die Glocke den Mittag einläutet, sind alle Klosterinsassen im geräumigen Speisesaal zum einfachen, kräftigen Mahl versammelt. Auch Pilger werden gespeist, und in der gastlichen Herberge werden alltäglich arme Leute aus der Stadt kostenlos verpflegt. Nach dem Mittagessen verrichtet jeder wieder seine gewohnte Arbeit. Ein Ordensbruder geht mit einem Messeknaben nach Salzhausen, um einer schwerkranken Frau die letzte Stärkung zu bringen. Später wird ein Verstorbener über den hölzernen Niddasteg auf den Gottesacker an der Johanniterkirche getragen und zur letzten Ruhe gebettet. Aber das weltliche Leben im "Gehannshob" fordert sein Recht, die Arbeit geht den streng geregelten Gang weiter. Gegen Abend fahren Wagen auf Wagen in den großen Wirtschaftshof zurück. Am Ziehbrunnen klappern die Eimer, an der offenen Tränke labt sich das Vieh. Knechte werfen den hungrigen Tieren Futter vor. Im Klostergarten mit den vielen Obstbäumen führt der Komtur mit dem Bruder Arzt ein Gespräch über einen Arbeitsunfall, der sich am Tage ereignet hat. Es läutet zur Vesper. Danach wird es stiller und stiller, langsam senkt sich die Nacht hernieder. Dunkel liegt über den Gebäuden der Johannitersiedlung, nur in dem Komturhaus leuchtet noch Licht während einer wichtigen Besprechung mit den Ordensbrüdern.

Denken, Fühlen und Handeln, Anschauungen und Gewohnheiten der Johanniter zu Nidda sind Vergangenheit geworden. Von den Baulichkeiten ist ein Gebäude nach dem anderen allmählich verfallen und spurlos verschwunden. Nur der "Johanniterturm" kündet auch mit seinem Namen von den längst verklungenen Zeiten der Ordensbrüder.

Nach Dr. Karl Kraft 1937 "Die Johanniter in Nidda"


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