Sie sind hier: Erzählungen. Hochwasser.
Abschrift aus "Vogelsberger Heimat" - 3.Jahrgang - Nr. 5 -1932 Seite 5
aus:
100 Jahre später. Zu Goethes Todesstunde.
Für den Heimatforscher müsste es reizvoll sein, den Spuren unseres großen Dichters in der heimischen Landschaft nachgehen zu können. Leider fehlen sie gänzlich. Im Herzen des Vogelsberges ist Goethe nie gewesen, keinen seiner Berge hat er je betreten. Zu seiner Zeit war unser Gebirge für die Umwelt noch das Sibirien, ein Stück Weltende, wo die Säue sich um den Sonnenschein beißen. Wie sollte der Dichter, der die Sehnsucht nach der Sonne des Südens in der Seele trug, sich dahin verirren!
Nur einmal sieht ihn der äußerste Rand unserer Bergwelt. Am 21.September 1769 fährt der Zwanzigjährige, der vorher Wochen und Monate mit dem Tode rang, zu einer Synode der Herrenhuter Brüdergemeinschaft nach Marienborn, südwestlich von Büdingen gelegen. In schwerer, körperlicher und seelischer Not kettet die fromme Freundin seiner Mutter Susanne von Klettenberg, den Niedergebrochenen an die Herrenhutes Gemeinschaft. Andachtsstunden im väterlichen Hause richten den Genesenden innerlich auf und weisen ihm den Weg nach Marienborn, von dem zu dieser Zeit der brüderliche Geist der Christusliebe in besonderem Maße in die Welt strahlt. In der ersten Junihälfte des Jahres 1826 sind die Spalten der Tageszeitungen mit langen Berichten über das schwere Unwetter gefüllt, das den Vogelsberg heimsuchte. Das Mitgefühl der ganzen Welt lenkt seinen Blick auf unser Gebirge, das kaum dem Namen nach bekannt ist. Auch der 76jährige Goethe ist tief ergriffen. Er holt sich seine Landkarten herbei und sucht die Orte auf, die so schwer gelitten.
Am 19.Juni schreibt er in sein Tagebuch: "Auf der Landkarte die Lokalität des großen Wolkenbruchs über (oberhalb) Nidda aufgesucht. Frage: Ob nicht auf der sonst durchaus waldigen Berghöhe, wo die Nidda entspringt, das Holz übermäßig gelichtet worden?" Goethe forscht nach der Ursache der Hochwasserkatastrophe. Er ist auf dem richtigen Wege. Die überwiegend waldlosen Hänge des Eicheltals begünstigen Überschwemmungen, senden die auf sie Niederbrechenden Wassermassen sofort talwärts, dass sie in kürzester Zeit das Eichelbett füllen, über die Ufer hinwegfluten und zur großem Gefahr werden.
Was war geschehen? Es ist der 3.Juni 1826, Pfingstsamstag. Im Eicheltal rauchen die Backhäuser. Pfingstkuchen duften. Die Frauen scheuern, putzen, fegen, Haus und Hof. An den Hängen der Hutweiden grast das Vieh. Drückende Schwüle liegt über dem Talgrund. Die Bremsen toben. Gegen 5 Uhr ziehende drohende Gewitterwolken herauf. Es wird Nacht. Grelle Blitze durchbrechen das Dunkel. Des Himmels Schleusen öffnen sich und werfen in der Umgebung des Bitsteins Wassermassen nieder, wie sie in dieser Stärke nie beobachtet wurden. Im Nu stürzen von den Bergen Hunderte von Bächen nieder, drängen sich durch. die Winkel, Höfe und Gärten des Dorfes Busenborn und sammeln sich im Talgrund. Die von der Gemeindeiweide am Hang des Bitsteins heimkehrenden Viehherden finden den Dorfeingang durch eine wogende Wasserfläche gesperrt. Auf weitem Umweg über Breungeshain retten sie sich in die heimischen Ställe. Fast zwei Stunden wütet das Unwetter. Die Eichel ist zum rauschenden Strom angewachsen der das enge Tal füllt, Bäume entwurzelt und alles niederreißt, was seinen ungestümen Weg hemmt. Von Minute zu Minute wachsend, brechen die trüben Wassermassen in die Dorfstrasse von Eschenrod, stauen und türmen sich bis zu einer, Höhe von 7 m. Das Gemeindebrauhaus, zwei Backhäuser, Brücken und Stege werden weggespült. In Todesangst flüchten die Bewohner bedrohter Anwesen in die oberen Stockwerke. Verzweiflung schnürt die Kehlen. Wahnsinn flackert aus verquollenen Augen. Werden die Grundmauern halten?
Aber auch fest gefügte Häuser sind Spielzeug für wühlende Fluten. Das Johann Heinrich Heun'sche- Haus versinkt, reißt Vater und Mutter, 4 Kinder und eine Pflegetochter in die schäumende Tiefe. Bald wankt das neue Haus des Heinrich Hermann, das dem Pfarrhaus gegenüber aufgebaut ist. Die aus dem Brauhaus weggeschwemmte Braubütte stößt dagegen und beschleunigt den Einsturz. Die Mutter, gesegneten Leibes, drei Kinder, der Knecht Johannes Lenz, dazu der sechzehnjährige Johann Jost Appel, den das Unwetter im Hause überraschte verschlingt die Flut. Als der Vater am Abend aus dem Felde heimkehrt, steht er schluchzend am Grabe seiner Hoffnungen seine Familie, sein Heim sind nicht mehr. Die Hofreite des Johann Georg Buß wird mit sechs Menschenkindern weggeschwemmt, das Weigand'sche Haus mit der Mutter und einer Tochter. Erschütternde Episoden spielen sich vor den Augen der entsetzten Bewohner ab, die ohnmächtig und untätig dem grässlichen Geschehen gegenüberstehen müssen, ohne die rettende Hand reichen zu können. In Wingershausen, das sich mehr an den Hang anlehnt, fordert die Wasserflut nur ein Todesopfer. Frau Johanna Elisabetha Löwener, die wertvollste Habe aus ihrem bedrohten Hause retten will, wird vor den Augen ihres Mannes vom Wasser niedergerissen und fortgespült. 4 Ställe und 1 Scheune verschwinden spurlos, 6 Gebäude werden mehr oder minder stark beschädigt. Eichelsachsen beklagt 5 Tote. Das Wohnhaus der Witwe Johanna Elisabetha Rau weicht den Fluten, die Frau mit ihren 4 Kindern findet in den Wellen ihr Grab. Die Zehntscheuer wird zu einem Drittel vom Strom weggerissen. In den talabwärts gelegenen Dörfern mit breitem Talgrund vermögen die Wassermassen, die erheblich an Gefäll einbüßen, keine größeren Zerstörungen anzurichten. Verluste an Menschenleben sind dort nicht zu beklagen. Wohl steht in Eichelsdorf die gurgelnde Wasserfläche mannshoch über der Dorfstraße, reißt das Gemeindebrau- und Backhaus weg, aber ihre mörderische Gewalt ist gebrochen. Das Wasser überschwemmt die breiten Wiesengründe südlich des Dorfes, dringt in die tief gelegenen Teile von Ober- und Unter- Schmitten und Nidda ein, ohne beträchtlichen Schaden anzurichten. Gegen sieben Uhr hellt sich der Himmel, das Wasser fällt. Die Nacht breitet ihren Schleier über ein Trümmer- und Leichenfeld.
Pfingstsonntag 1826: Die Wasser haben sich verlaufen. Das überschwemmte Gebiet bietet einen Anblick des Entsetzens und Grauens. In Eschenrod sind 26 Gebäude vernichtet, 29 mehr oder weniger beschädigt. Klaftertief ist der Boden aufgerissen. Die chaussierte Dorfstraße ist unpassierbar. Das Wasser hat breite Spalten in ihren Leib gefressen. Die Leiche der Mutter Heun hängt in den Ästen eines, Nußbaumes. Eine ihrer Töchter ist in den Georg Theis'schen Hausflur zu Wingershausen, eine andere nach Eichelsachsen, die Pflegetochter nach Eichelsdorf geschwemmt. Verängstigte Bewohner aus den schwer heimgesuchten Dörfern, noch ganz im Banne überstandenen Schreckens, durcheilen den verwüsteten Wiesengrund, entführte Habe zu suchen. Schutt, Steine, Geröll, Bau- und Brennholz, Kleider, Acker-, Küchen- und Hausgerät, Pfosten und Balkenwerke aufgetriebene Tierleichen, entstellte Menschenleiber sperren den grausigen Weg. 26 Tote werden am Pfingstsonntag geborgen, am Pfingstmontag der Erde übergeben. Die Eichelsächser begraben 12, die Eichelsdörfer 8 der Toten auf eigenem Friedhofe. Nach dem 27. Todesopfer sucht man vergebens. Erst nach Wochen entdeckt man die Leiche im Talgrund von Eichelsachsen. Schutt und Geröll verdeckten sie.
Nach der Unwetterkatastrophe: Die große Not schafft Freunde. Landrat Goldmann, der schon am Abend des Unglückstages zu Pferd in Eschenrod eintrifft, Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten, erweist sich in der Folge als gütiger, hilfreicher Freund. Die Nachbardörfer beteiligen sich an dem Hilfswerk: Schutt und Geröll verschwinden, die Erdspalten schließen sich, Zerstörtes wird aufgebaut. Der Talgrund, über den das Hochwasser hinweggerast, überzieht sich mit Wiesengrün. Die Feldmark von Busenborn, auf die sich der Wolkenbruch am stärksten auswirkt, ist hart mitgenommen. Die an sich dünne Ackerkrume ist weggeschwemmt, die Wiesen sind verschlammt, in Steinfelder verwandelt. Vereidigte Taxatoren schätzen den Gesamtschaden auf 8792 Gulden, wovon 4527 Gulden auf Grund-, 4265 Gulden auf Ernteschaden entfallen. Ein Teil des Gewitters, ebenfalls von wolkenbruchartigem Regen begleitet, entlud sich zu gleicher Zeit über U1fa und Stornfels. Der Schaden aber war, gemessen an den Verheerungen im Eicheltal, unbeträchtlich.
(Nach zeitgenössischen Aufzeichnungen in den Chroniken von Eschenrod, Busenborn und Breungeshain.)
Von J. Diehl.
Durch die plötzlich auftretende Schnee- und Eisschmelze sowie durch die starken, zum Teil wolkenbruchartigen Regenfälle im Gebiet des Hohen Vogelsberges haben sich in der Nacht vom 23. Dezember auf 24. Dezember 1967 riesige Wassermassen vom Berg zu Tal bewegt und weite Gebiete im Eichel- und Niddatal überschwemmt. Es war die schwerste Hochwasserkatastrophe seit 20 Jahren (1947 Martinimarkt).
Eichelsdorf wurde zunächst von der Flutwelle der "Eichel" überrascht, und bald folgte auch die Überschwemmung durch die Wassermassen der "Nidda". Schon mittags war die Eichel bedenklich angeschwollen, und dann gegen 23.30 Uhr wurde die Bevölkerung durch die ortseigene Sirene vor der nicht mehr aufzuhaltenden Katastrophe gewarnt, bedauerlicherweise jedoch für viele Ortsbürger zu spät. Gegen Mitternacht war dann auch der höchste Wasserstand erreicht. Zu dieser Zeit schlugen bereits die Wellen über die Brücke an der Schlaggasse, und diese war kaum noch zu begehen. Nur ganz langsam und zögernd nahmen die Wassermassen ab, und erst in den frühen Morgenstunden war dann auch die größte Gefahr vorbei, und die Bevölkerung konnte darangehen, mit den ersten Aufräumungsarbeiten zu beginnen. Der Dank gebührt in allererster Linie der Eichelsdorfer Feuerwehr, die auch von den Wehren aus Ober- Lais und Michelnau unterstützt wurde. Die beiden Letzteren konnte jedoch bald abgezogen werden und wurden an anderen Orten des Niddatales eingesetzt. Unermüdlich wurden die Keller der betroffenen Häuser leergepumpt und ausgeräumt, in denen das Wasser teilweise bis unter die Kellerdecke stand, ferner die Straßen von den angeschwemmten Lehmmassen und Unrat gesäubert. Menschenopfer waren Gott sei Dank nicht zu beklagen, auch konnte das gesamte Vieh aus den bedrohten Ställen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, bis auf einige Kaninchen, die in ihren Kästen hinter den überfluteten Häusern untergebracht waren.
In den vom Hochwasser betroffenen Häusern brannte die ganze Nacht das Licht, und die Menschen mussten untätig zusehen, denn vorerst war nichts zu unternehmen und zu retten. Das Ausmaß der Verwüstungen ist erst in den frühen Morgenstunden teilweise zu übersehen gewesen. Die Essenvorräte in den Kellern waren zum größten Teil vernichtet, Waschmaschinen, Kühltruhen, Wäscheschleudern, Möbel usw. sind stark beschädigt worden. Die Gärten waren verschlammt, der Mutterboden fortgeschwemmt, Öltanks aus ihren Verankerungen gerissen, so dass sich auch noch das Heizöl in die Keller ergoss und sich das Ausmaß der Schäden dadurch noch vergrößerte. Es war ein Bild trostloser Verwüstung und dies auch noch ausgerechnet am "Heiligen Abend". Für viele Dorfbewohner war es ein Weihnachten ohne Freude.
Der Sportplatz stand dreiviertel unter Wasser, riesige Seen bildeten sich in den tiefergelegenen Äckern und Wiesen. Fast das ganze Dorf war in dieser Katastrophen- Nacht unterwegs, zum Teil mit Gummistiefeln ausgerüstet, um wenn notwendig zu helfen, aber man konnte nur zusehen und abwarten, bis das Wasser abgezogen war. Schaulustige gab es viele, auch solche, die mit ihren Autos nachts unterwegs waren und denen durch das Hochwasser der Rückweg in ihr Heimatdorf abgeschnitten war. Viele konnten nur auf großen Umwegen nach Hause fahren. Am nächsten Morgen gab es viele Neugierige, besonders aus der näheren und weiteren Umgebung- Autofahrer- die durch ihre ungebetene Anwesenheit aber nur die Aufräumungsarbeiten erschwerten.
Das Hochwasser erstreckte sich teilweise auf den "Wasen" und den "Scholdesacker" (Bornwiesenstraße), dann etwa von der Gastwirtschaft "Karl Zörkel". rechts und links der Eichel, deren Flutwelle sich dann mit der reißenden Nidda vereinte, sich in das Unterdorf ergoss und die Mühlgasse in einen knietiefen, reißenden Fluss verwandelte. Hier waren auch die größten Wasserschäden zu verzeichnen. In der Motzengasse stand das Wasser bis etwa zur Lagerhalle der Schreinerei Emrich, in der Bahnhofstrasse bis ungefähr zum Lebensmittelgeschäft der Anna Gröb. Der zur Gärtnerei Bendel gehörende Acker neben den Gewächshäusern stand ebenfalls unter Wasser. Vereinzelt wurden auch die Bachmauern mehr oder weniger stark beschädigt, Straßendecken aufgerissen, Begrenzungssteine weggeschwemmt, auch Gartenzäune, Brücken und Stege aber konnten glücklicherweise den reißenden Fluten standhalten.
Das ganze Ausmaß der Hochwasserkatastrophe beschränkte sich aber nicht nur auf das Eichel- und Niddatal (etwa von Götzen bzw. Rudingshain ab), sondern auch über die Wetterau, das Seemenbachtal, die Kinzig, Fulda, Werra, Main, Mosel und Saar sowie viele andere Teile der Bundesrepublik, denn starke Regenfälle, die tagelang anhielten, gab es in all diesen Landstrichen.
Von Hans Bauer.
Soweit feststellbar sind die großen Hochwasser am 29. August 1674, am 3. Juni 1826, 1869 ?, am 16. Juni 1914, am 30. Dezember 1916, am 24. Oktober 1923, und am 4. November 1940 in unseren Gemeinden gewesen. Diese sollen wesentlich höher gewesen und größeren Schaden gebracht haben.
Von W. Würz.
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