Sie sind hier: Erzählungen. Fröhlich soll mein Herze springen.
Christabend ist heute! Wer kanns da daheim aushalten, bis die Glocken läuten? Hinauf ins alte Kirchlein strömt groß und klein. Kugelrund werden die Kinderaugen! Vor der Kanzel erstrahlt der Christbaum. Und was ist das dort Wunderbares vor der Orgel? Im ärmlichen Stall Maria und Joseph mit ihrem lieben Christkindchen. Wie herzinnig singen die kleinen Schüler: "Ihr Kinderlein kommet" und die Großen: "Stille Nacht, heilige Nacht". Und nun braust durchs Dichtgefüllte alte Kirchlein das Weihnachtslied der Eichelsdorfer: "Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit". Diese Klangfülle erreicht kein anderes Lied. Wer mag der Tondichter dieser alten Volksweise sein, die bei uns gesungen wird?
Das Lied wurde von Paul Gerhard im Jahre 1653 geschrieben und die Melodie stammt von Johann Crüger. Es handelt sich hierbei um altes evangelisches Liedgut.
Aus meiner Kinderzeit weiß ich, dass das Lied in der Kirche ohne Orgelbegleitung gesungen wurde. Der alte "Pfeifersch Gustav", der auf der Männerbühne unter dem Gewölbebogen vor dem Chor seinen Platz hatte, stimmte es an. Wir Schüler erlernten die Weise durch Hören. Und nun hinunter ins Dorf! Hinter jedem Fenster brennt ein Christbaum. Dicke Kinderpatschhändchen greifen nach den flimmernden Lichtlein. Das "Christkindchen" kommt, und Kinderlippen stammeln: "Christkindchen komm in unser Haus, leer dein goldig Säckchen aus, stell dein Eselchen auf den Mist, dass es Heu und Hafer frisst..." Apfel und Nüsse kollern über die Dielen: Christkindchens Gaben für brave Kinder, die Schmisse sind nur für die bösen Buben. Wie rappeln bald die Nussschalen, mit denen um Christkindchens Äpfel und Nüsse gewürfelt wird, auf den Tischen. Beseligt gehts spät zu Bett.
An der Ofenstange klopft es mit dem "Schuheisen", Mutters alltägliches Signal zum Aufstehen. Fünf Uhr erst! Noch stockdunkel. Warum sollen wir am ersten Feiertag so früh heraus? Ist Mutter irre geworden? Nein- es läutet ja dem Christkind! Gedämpft klingen die Glocken durchs Flockengeriesel. Im Nu sind wir in den Kleidern und beim Born! Von allen Seiten strömt jung und alt zum Sammelplatz. Eine volle Stunde erklingen die Glocken, jedem eindringlich Christkindchens Geburtstag kündend. Wenn die "Läuter", heute nicht der Kirchendiener und seine Gehilfen, sondern drei Männer aus dem Dorf, die an der Reihe sind, beim Born eintreffen, singt groß und klein an vier Stellen im Dorf je zwei der lieben alten Weihnachtslieder. Alle Christbäumchen brennen. Überall hauchen die Kleinsten Löcher in die Eisblumen der Fenster, denn es wird ja dem Christkind gesungen.
Unser Eichelsdorfer Weihnachten ist der Höhepunkt der Freude eines ganzen Jahres. Niemand, der aus der Fremde wieder einmal in die Heimat kam, fehlt beim Weihnachtssingen. Auch wenn ich nicht aus Eichelsdorf wäre, sähe ich es als meine Pflicht an, alles zu tun, diesen Brauch zu erhalten. Zwischen 1933 und 1945 war dies nicht ganz leicht, denn es gab auch in dem an sich ruhigen Dorf Leute, die glaubten, das "Dritte Reich" sei in Gefahr, wenn am Weihnachtsmorgen "auf der Straße gesungen" würde. Nie habe ich gefehlt, immer waren die älteren Schüler dabei, wir haben durchgehalten, es ist unser Lied. Vor mehr als 200 Jahren wurden in Hessen die mitternächtlichen Christmessen und morgendlichen Weihnachtsgesänge wegen des damit verbundenen Unfugs verboten. Eichelsdorf hat sich an diese Verordnung nicht gekehrt und einen sinnigen Weihnachtsbrauch aus der Väterzeit in unsere Tage herübergerettet.
Nach W. Würz.
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