Sie sind hier: Erzählungen. Unter den Fichten.
Aus den "Heimatglocken" - Nr. 11 - November 1935
Hoch überm Dorf ragt das altersgraue Kirchlein, aus dessen runzeligem Gesichte wir die Schicksale der Eichelsdorfer ablesen können. Schon zu Kaiser Friedrich Rotbarts Zeiten stand es da oben. Ihm zu Füßen duckten sich damals die armseligen Hütten des alten Eichelsdorf, wohl kaum ein Dutzend. Und die alten Eichelsdorfer gingen als letzten Gang nur die paar Schritte aufwärts und ruhten im Schatten des Kirchleins im Frieden Gottes. Und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag, wenn auch der letzte Weg der Eichelsdorfer etwas länger geworden ist, seit das Dorf vom Bergeshang hinunter ins Eichel- und Niddatal verlegt wurde. Rings ums alte Kirchlein ruhen die Toten des Dorfes wie vor Jahrhunderten, umrauscht von uralten Fichten, die der Eichelsdorfer gar nicht aus dem Bilde seiner Kirche wegdenken kann. Die dunklen Fichten sind uns so ans Herz gewachsen, dass jeder von uns, wenn er alt und grau und bresthaft nur noch mit Mühe sein Tagewerk verrichten kann, seufzt: Ach, wär ich doch unter den Fichten!
Wer könnte auch unseren Friedhof betreten, ohne vom Raunen der Jahrhunderte unberührt zu bleiben? Siebenhundert Jahre und länger sind hier unsere Toten zur letzten Ruhe gebettet worden. Jedes Stäubchen, das der Fuß aufwirbelt, ist geworden aus dem unvergänglichen Leibe eines unserer Voreltern. Ihr Schweiß, ihre Arbeit schuf die Vorbedingung für alles, was da unten im Tale wurde. Auf ihren Schultern stehend, bauen wir Eichelsdorfer von heute unsere Welt. Sie rodeten den Wald, der ehedem das Kirchlein umschloss. Sie wagten sich ins wasserreiche Tal hinunter. Sie rundeten die Feldmark. Sie nutzten Wintertags ihre Bodenschätze als fleißige Nagelschmiede. Sie schafften sich krumm und buckelig, ihr bisschen Hab und Gut in schlimmen Zeitläuften zu erhalten, ja, zu mehren, um ihren Kindern das Fortkommen zu erleichtern. Ihre abgerackerten Hände hielten die Heimat, wenn die Ferne gleißnerisch lockte. Und wenns gar nicht mehr gehen wollte, wenn die Wasser der Trübsal gar über ihnen zusammenschlagen wollten, dann schauten sie hinauf zu den Fichten. unter deren rauschenden Wipfeln ein Plätzchen winkte, dessen Frieden kein Jammer dieser Welt stören konnte.
Und wir Eichelsdorfer von heute? Was sind wir? Wir sind, wie die Voreltern, nur ein Glied in der Kette der Geschlechter. Mittelglied in der Kette, die Voreltern, uns und Kommende zur Einheit fügt. Uns ward von den Alten die hohe Aufgabe, unser Erbe, Blut und Boden, als unantastbares Vermächtnis weiterzugeben an kommende Glieder der Kette. Wir sind in die Kette geschmiedet. Wehe uns, wenn wir versuchten, uns aus dem Gefüge zu lösen. Dann taumelten wir ohne Bindung dahin, wie wirs ja erlebten, blindlings zum Abgrunde, der Abtrünnige verschlingt. Zurück zur Kette, die uns formte zu bäuerlichen Menschen, gradlinig und schwer, unbeugsam und fest!
Und das unruhige Blut, das zu allen Zeiten in die Ferne drängte? Es sucht und sucht und rastet nicht, bis es Anschluss an die Kette gefunden hat. Blut will zu Blut; es rumort in Eichelsdorfer Kindern und Kindeskindern in allen Zonen und Erdteilen. Und Kettenglied schließt sich an Kettenglied, bis die Glieder verbunden sind mit denen, die seit Jahr und Tag unter den Fichten überm Heimatdorf ruhen. Längst vergessene Familienzusammenhänge heben sich klar aus weichendem Dunkel, und aus ihrer Verflechtung erwächst über Grenzpfähle hinaus des Mannes Größtes- sein Volk. Und mögen alle Gewalten dieser Erde drohen und übermenschliche Schicksale fast den Nacken deutscher Menschen da draußen niederdrücken, die Kette, einmal nur gefügt, wird unzerreißbar bleiben. Sie hält die Kampfgenossen an den Volkstumsgrenzen aufrecht, reißt sie empor, wenn sie straucheln und bindet die toten Kämpfer für alle Zeit und Ewigkeit an uns, die vor uns waren und nach uns kommen werden. Uns alle bindet Aufgabe und Pflicht, weiterzuarbeiten auf dem Boden, der uns schuf. Nicht Geld und Geldeswert können uns locken, können Maßstab für unser Tun und Handeln sein, allein die Verantwortlichkeit, die die Kette von jedem ihrer Glieder fordert. Wir haben die Heimat lieb und lieben Deutschland- unser heiliges Land. Und die Eichelsdorfer da draußen in aller Welt, die zweimal Heimat haben, eine neue und eine alte, haben Deutschland doppelt lieb.
Und Deutschland, unser Vater- und Mutterland, werden wir lieb haben, bis wir eingehen in den Frieden Gottes - unter den Fichten.
Nach W. Würz.
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