Band 1. Nidda Eichelsdorf.
-1200
Abschrift aus dem Heimat-Jahrbuch des Landkreises Büdingen
1953 Seite 23-26.
Wann wurde unser Heimatort gegründet? Von Karl Heuson.
Nachdem im Vorjahre für die Heimatfreunde eine Erklärung der
Ortsnamen des Kreises Büdingen gegeben wurde, beschäftigt sich dieser Artikel
mit der Siedlungsgeschichte unseres Heimatkreises. Er soll dazu beitragen, die
Angaben dis vorjährigen Artikels zu vervollständigen und der Kreisbevölkerung
einen Einblick in ihre Heimatgeschichte geben. Eine müßige Frage, die kaum zu
beantworten ist. Wohl gibt es im Hessenlande einige Orte, deren Ursache zur
Gründung man kennt, auch den Gründer und die Entstehungszeit. Es sei nur an die
Odenwalddörfer Wembach, Rohnbach
und Hahn, oder an die ehemals ysenburgischen Orte
Neu- Isenburg bei Frankfurt und Waldensberg im Kreis
Gelnhausen erinnert. Sie sind ausnahmslos im 17. Jahrhundert durch französische
Emigranten gegründet worden, also alle jüngeren Datums. Von den Städten und
Dörfern unseres Kreises Büdingen kennt man die Entstehungszeit meist nicht, weil
deren Anfang in eine Zeit zurückreicht, über die es uns an schriftlichen
Nachrichten mangelt. Ausgenommen sind nur einige wenige Siedlungen, die sich
bis jetzt nicht zu größeren Gemeinwesen entwickeln konnten. Auch kann man von
einigen Dörfern des Kreises, die im 30 jährigen Kriege verfallen und entvölkert
waren, nachweisen, wann und durch wen sie wieder neu gegründet wurden. Ich
nenne in diesem Zusammenhange nur das im Jahre 1842 zum zweiten Mal ausgegangene:
Dörfchen Wernings bei Wenings, das im Jahre 1687 nach jahrzehntelangem
Wüstliegen von einem Weningser Bürger Gottfried Ströder
neu besiedelt und in kurzer Zeit zu einem beachtlichen Dörfchen ausgebaut
wurde. Sagen wir zum Beispiel: Bleichenbach sei im Jahre 1150 gegründet worden,
so ist diese Angabe irreführend und falsch. Denn der Ort ist unbestreitbar
Jahrhunderte älter, wird aber aus gewissen, uns unbekannten Gründen 1150 zum
ersten Mal urkundlich genannt. Und ähnlich so liegen die Verhältnisse bei den
meisten Ortschaften unseres Kreises.
Prähistorische Funde in der Wetterau.
Bei unseren Betrachtungen müssen wir streng zwischen
Wetterau und Vogelsberg unterscheiden, wobei die Eisenbahn Gelnhausen-Gießen
oder wo die über Hain- Gründau - Büdingen - Wolf - Bleichenbach - Selters -
Nidda usw. hinziehende Bergstraße als Grenze zwischen beiden Landschaften
anzusehen ist. Es ist selbstverständlich, dass die fruchtbaren, lößbedeckter
Bergeshänge und Täler der Wetterau mit ihrem segneten Klima früher besiedelt
waren, als die waldreichen, kältere Höhen des Vogelsberges. Das beweisen uns
auch die Funde aus den bei Feldbereinigungen und anderem Gelegenheiten
verschleiften Hügelgräberkolonien am Haarstrauch bei Langenbergheim, in der Au
bei Nieder- Mockstadt und in der Harb bei Nidda, das lehren uns auch die
Ausgrabungen und Untersuchungen Prof. Dr. Richter auf dem Glauberg. Alle
Kulturen der Vergangenheit, der "Bandkeramiker", der
"Rössener" und "Michelsberger", der
"Schnurkeramiker", und wie sie alle heißen, findet man da vertreten.
Jahrtausende hindurch haben die Bewohner hier mit ihren primitiven
Steinwerkzeugen den Boden bearbeitet, um das zum Leben nötige Getreide zu
ernten, haben sie in wasserreichen Bächen und Flüsschen gefischt und in den
angrenzenden Wäldern das Wild gejagt. Aufgefundene Wohngruben bei
Mittelgründau, Höchst a. d. Nidder, Bleichenbach und an anderen Orten mit
Resten von Tongefäßen zeugen von der höchst einfachen Lebensart dieser Stein-
und Bronzezeitmenschen, die wohl selten in größeren Siedlungen zusammenwohnten.
Römische Kastelle - Germanische Niederlassungen.
Erst als die Römer um 11 vor Chr. ihre Herrschaft in die
gesegnete Wetterau vorschoben und in der Folge den "Limes" mit seinen
vielen Kastellen und unzähligen Wachttürmen schufen, da änderte sich auch in
unserem Kreisgebiet manches. An den prähistorischen Straßen, die von Frankfurt
kommend, den Höhenzügen folgend unsere Gegend durchzogen, entstanden an den
Schnittpunkten des Limes, die römischen Kastelle Marköbel, Altenstadt, Staden,
Echzell u.a. Und vor deren Toren wuchsen germanische Niederlassungen empor, wie
wir das aus den Ortsplänen der genannten Dörfer so deutlich zu erkennen
vermögen. Es ist zu vermuten, dass auch nördlich vom Limes- auf germanischer
Seite, gestützt auf prähistorische Befestigungsanlagen um die Ronneburg,
Hardeck, Glauberg und Alteburg, Siedlungen entstanden waren, worauf uns die
mehrfach vorkommenden Namen Diebach (Dietbach = Volksbach) u.a. hinzuweisen
scheinen. Der Südhang des Vogelsberges war zu dieser Zeit noch siedlungsleer,
wenn wir von einzelnen Ausnahmen aus der Bronzezeit absehen wollen. (Betten,
Geyersberg bei Dudenrod, Schönberg bei Usenborn). Die eigentliche Besiedlung
unseres Vogelsberggebietes fällt in eine spätere Zeit, in der man Waffen und
Werkzeuge aus Eisen brauchte. Die Römer stellten solche schon aus Eisen her,
und die Einzelfunde nördlich vom Limes sprechen dafür, dass auch hier zu dieser
Zeit das Eisen nicht unbekannt war. Der Brauneisensteintseiner dominierenden
Stellung wegen oft auch kurz "Stein" genannt (siehe Steinberg), aus
verwittertem Basalt entstanden, findet sich in unserem Gebiet allenthalben und
wurde überall im Tagebau gewonnen. Daher auch das Wort Blaike
( mbd. bleike), aus welchem
die Namen des Dorfes, des gleichnamigen Baches und der ehemaligen Waldflur
Bleichenbach bei Wenings abzuleiten sind, das ist die Stelle, wo das nackte
Gestein zu Tage liegt (Vollmann: Flurnamen- Sammlung)
Waldschmiede besiedelten den Vogelsberg.
Die Waldschmiede zogen, wohl von der Wetterau kommend, die Flusstälchen
aufwärts, wo sie in den Weitgedehnten Bergwäldern den wertvollen
"Stein", dazu Holz zum Verkohlen und Wasser zur Genüge vorfanden.
Hier bauten sie ihren Rennofen auf und "sinterten" das Eisen. Hatten
sie eine Stelle "abgegrast", dann zogen sie weiter. Bald wurden sie
auch sesshaft,: es entstanden kleine Siedlungen, man
rodete den Wald und trieb Ackerbau und Viehzucht. Wenn auch schriftliche
Zeugnisse aus jener Zeit gänzlich fehlen, so berichten uns doch Urkunden des
Klosters Fulda (um 785) dass damals im Brachttal (bei
Burg- und Kirchbracht) schon Eisen gewonnen wurde und
das gleiche dürfen wir auch vom Seemen- und Bleichetal
annehmen. Und durchwandert man unsere Bergwälder kreuz und quer und nicht nur
den markierten Wegen nach, dann ist. man erstaunt über die Hunderte von
Schlackenhügeln an versteckten Quellen und fließenden Gewässern, ganz zu
schweigen von denen die in Vergangenheit. und Gegenwart der "Kultur"
zum Opfer gefallen sind. Sie können nicht in ein paar Jahr-hunderten geworden
sein, dazu waren wohl zwei Jahrtausende nötig. Und was erzählen schließlich die
unzählig vielen Flurnamen, die mit "Erz" oder "Eisen"
gebildet sind dazu die Namen "Rennplatte", "Schlackendorn",
"Grubenbusch" und "Sinnerborn"
und die mittelalterlichen "Schmitten" bzw. "Schmittenmühlen"
bei Burgbracht, Büdingen, Gedern, Nidda bis zu den Eisenhütten bei Büdingen,
Haingründau, Hitzkirchen, Ortenberg und Hirzenhain. War die Besiedlung der.
Wetterau durch das Klima und die Fruchtbarkeit. des Bodens bedingt, so war es
der Eisenstein, der den Waldschmied in den Vogelsberg lockte, wo er - wie
erwähnt - neben dem Erz, Wald und Wasser und Weidegelegenheit für sein Vieh in
ausgiebigem Maße vorfand. Schon während der Römerzeit die mit, der Zerstörung
des festen Grenzwalles durch die Chatten im Jahre 260 n. Chr. ihr Ende fand und
bald nachher (bis 400 n. Chr.) waren einzeln& germanische Siedlungen
entstanden , 3. neben den Kastellsiedlungen Marköbel, Altenstadt, Staden und
Echzell wohl die Orte Mockstadt, Ranstadt und Berstadt, vielleicht auch
Gründau, Büdingen, Aulendiebach, Diebach a. Haag, Altwiedermus, Höchst a. d.
Nidder, Wolf, Bleichenbach, Selters, Nidda und Ulfa. Doch Dorfsiedlungen im
heutigen Sinne: gab es noch kaum, sondern Einzelgehöfte, die in ihrer Gesamtheit
die Namen der begleitenden Flüsschen führten, wie Brachtaha,
Salzaha, Siemenehe, Leizaha, Geraha, Nitehe u. s. f.,
bis sie sich später zu geschlossenen kleineren Ortschaften zusammenfanden, die
dann bspw. nach ihrer Lage in Ober-, (Hain-), Mittel- und Niedergründau, Ober-
Mittel- und Nieder- Seemen, Ober- und Unter- Lais oder nach charakteristischen Gebäulichkeiten in Kirch- und Burgbracht u. s. f.
unterschieden wurden. Es leuchtet ein, dass einzelne Örtlichkeiten durch ihre
bevorzugte Lage sich bald zu wirtschaftlichen Mittelpunkten entwickelten die
beim Eingang des Christentums die Träger er der Mutterkirchen wurden und
ihrerseits wieder in der Folg Neusiedlungen veranlassten, die in dem Mutterort
gemeinsam die bis ins letzte Jahrhundert reichenden alten Marken ausmachten. In
diesem Zusammenhang seien hier die Marken Altenstadt, Glauberg (Landgericht
Ortenberg), Büdingen, Floßbach oder Wenings die Fuldische Mark in der Wetterau,
die Zehnten Gedern, Schotten und Nidda genannt.
Fränkische Landnahme.
Eine Menge Orte entstanden zur Zeit
und bald nach der fränkischen Landnahme: 400-800 n. Chr. Ihre Namen sind
vielfach von Personennamen abgeleitet und führen die Endung "heim",
wie Düdelsheim, Enzheim, Lindheim, Stockheim, Heegheim, Bergheim, Langenbergheim,
Dauernheim, Bingenheim, Grund- Schwalheim, Heuchelheim, Ober- und Unter- Widdersheim,..
Sie liegen Auffallenderweise sämtlich im Gebiet der Wetterau. In dieselbe
Entstehungszeit gehören Gedern, Kohden, Büches, Geiß- Nidda, Schotten und auch
meist die Orte, deren Namen auf horo, dorf, au, berg, bach, born, hausen oder feld endigen. Es seien genannt: Gelnhaar, Borsdorf und
Eichelsdorf, Oberau, Gettenau und Michelnau, Ortenberg, Lißberg und Glauberg;
Calbach, Effolderbach, Fauerbach, Himbach, Lorbach, Michelbach, Rodenbach, Rohrbach,
Wippenbach und Rinderbügen (Rinnerwiche.= Bäche, an
welchen das Eisen zum Rinnen kommt, Urk.1390); Busenborn, Eckartsborn,
Usenborn; Jllnhausen, Orleshausen, Sichenhausen, Bobenhausen, Wallernhausen,
Salzhausen, Einartshausen, Schwickartshausen, Rommelhausen, Vonhausen, Eckartshausen
und Wingershausen; Blofeld und Leidhecken. Endlich zählen hierher Orte mit Genitiven
Personennamen, wie Kaultoß, Merkenfritz, Bisses, Bellmuth und Wenings.
Besiedlung mit Karolingerzeit fast abgeschlossen.
Wir sehen, dass die Besiedlung unseres Kreisgebietes mit der
Karolingerzeit fast abgeschlossen war. Nur hier und da fanden noch größere
Waldrodungen statt, um für neue Siedlungen Raum zu schaffen (800- 1300 n. Chr.).
Die meisten von ihnen liegen im hohen Vogelsberg, um den Oberwald her und
außerhalb unseres Kreisgebietes. Ihre Namen endigen auf Rhein" oder
"rod". In unserem Kreisgebiet sind es die Orte: Breungeshain, Götzen
(hain), Rudingshain, Hirzenhain, Haingründau(?) und
Hainchen, Burkhards(rode) Betzenrod, Rainrod, Dudenrod und Kefenrod. Auch die
Dörfer, deren Namen auf "gemäß", "sachsen"
(sassen), kirchen oder
"reis''. endigen, mögen hierher gehören: Bösgesäß; Bindsachsen, und
Eichelsachsen; Hitzkirchen und Stornfels, Manche Orte machen von den oben
genannten Regeln eine Ausnahme, vielleicht sind es noch mehr. als die
nachstehenden: Steinberg, bei Hirzenhain entstand zwischen 1585 und 1602 durch
Bergleute, die hier den "Stein" (Eisenstein) gruben; der Wernes Hof, aus welchem Namen "Werners, "Wernis", Wernings wurde, ist jedenfalls um 1300 durch
Werner III. von Lißberg gegründet, kam durch Erbschaft an die Rodensteiner und 1428 durch Kauf an Ysenburg. Glashütten
bei Gedern kennt man erst seit 1476 und Michelau bei Büdingen gar erst seit 1560.
Auch die verschiedenen "Schmitten" sind höchstwahrscheinlich erst
nach 1300 geworden, Ober- und Unter- Schmitten werden 1449 erstmalig urkundlich
erwähnt. Von einigen kleineren Siedlungen, die sich allmählich zu
"Dörfern" entwickeln sollten, kennt man Gründer und Gründungszeit.
Es seien hier nur genannt: Hof Zwiefalten bei Schotten, vom
Volk als "Kirschberg" bezeichnet, durch den Landgrafen Ernst Ludwig
(gest. 1799) 1722 als Jagdschloss errichtet; der Neuhof bei Hirzenhain, um 1700
durch den Grafen Ludwig Christian zu Stolberg- Gedern (gest. 1710) erbaut und nach
der Gräfin Luise, der Gemahlin des. Grafen Friedrich Carl zu Sotberg, "Hof Luisenlust" benannt; dazu der
Weiler Schönhausen bei Gedern. Graf Johann Heinrich zu Stolberg- Gedern hatte
dem Bürger Johann Christoph Schön 1787 die Konzession zum Bau des ersten
Wohnhauses mit Nebengebäuden an der alten "Frankfurter Straße"
erteilt, die 1788 verwirklicht wurde. Bald folgten noch weitere Siedler, aber
bis heute hat es das Dorf "Schönau" nur zu 4 Hofreiten mit 5 Familien
gebracht.
Abschrift aus der Festschrift zur Sportplatzeinweihung des
S. V. Eichelsdorf - vom 30., 31. Mai und 1. Juni 1959
Aus der Dorfchronik von Dr. Karl Kraft, Nidda.
Im engen Rahmen dieser Festschrift ist es wohl angebracht, gleichsam
nur mit Streiflichtern den Werdegang des Dorfes Eichelsdorf zu beleuchten. Die
vorgeschichtliche, urkundenlose Zeit liegt im Dämmerdunkel aber steinzeitliche
Streufunde und solche aus der Hügelbronzezeit (um 1800- 100 v. Chr.) und der
Hallstattzeit (um 1000- 500 v. Chr.) lassen auf eine Besiedlung im Raume von
Eichelsdorf schließen. Dann schweigen lange Zeit die Bodendenkmäler. Doch kann
uns die ortsnamenkundliche Betrachtungsweise
weiterhelfen. Nach der fränkischen Landnahme von Oberhessen dürfte in dem
Zeitraum von 500-800 n. Chr. in der klimatisch bevorzugten Gegend des von Höhen
geschützten Tales der Eichel und der Nidda allmählich eine zusammenhängende
Siedlung Eichelsdorf entstanden sein. Denn nach beinahe übereinstimmenden
Urteilen der Siedlungsforscher gehören fast alle Namen auf - heim, - hausen, -
berg, - feld, - born, au
und - dorf in diese Siedlungsperiode. Die ersten
Siedler zogen wohl aus dem stark bevölkertem Altsiedelland Wetterau auf einer
alten Fernstraße, der linken Niddastraße, die von Staden bis Eichelsdorf als Talrandstraße und bei der Eichelsdorfer Kirche aufwärts am
Auerberg, Wildhauskopf und Gackerstein vorbei zum Oberwald führt, in den Raum
am Zusammenfluss von Eichel und Nidda und fingen an, den Wald zu lichten und zu
roden. Nach dem wohl einflussreichsten Siedler dieser Zeit mit Namen Eigil
erhielt die neue Siedlung den Namen Eigelesdorph, wie auch für das wohl jüngere
Dorf Eichelsachsen (Eigelessahsen) ein Eigil als
Gründer anzunehmen ist. Diese Namendeutung Dorf des Eigil dürfte wohl ihre
Bestätigung finden in der ältesten schriftlichen Urkunde von 1187, in der die
Siedlung als Eigelesdorph erscheint. In dieser nicht im Namen des Grafen
Bertold II. von Nidda selbst ausgestellten Urkunde wird bestätigt, dass dieser
Graf von Nidda den Johannitern die Pfarrei Nithehe
(Nidda) und deren Tochterkirchen zu Eigelesdorph und Richolueshusen
(wahrscheinlich zu den Häusern eines Richolf, Rachelshausen = Wüstung) und 3 Mansus
(Bauernhofgüter) und 2 Höfe in Eichelsdorf überwies. Diese Urkunde von 1187 ist
eine der wichtigsten über die Rodungs- und Siedlungsverhältnisse im Gebiet des
Vogelsberges. Daraus geht hervor, dass es im Raume Eichelsdorf damals noch
Siedlungen gab (z.B. Reifertshain), die später Wüstungen wurden, was die Verwaldung
ehemaliger bebauter Flächen im späteren Mittelalter bedeutete. Man berechnet
den Kulturverlust für die Gemarkung von Eichelsdorf auf 300 Morgen. (Leonhard
Volk, die Wüstungen im Kreis Schotten, Mitteil. d. Oberhess.
Geschichtsvereins, N. F. 37, Bd. 1940,S. 1588).
Eichelsdorf gehörte also nach der Urkunde von 1187
verwaltungsmäßig zur Grafschaft Nidda, kirchlich den Johannitern von Nidda. Die
Kirche bestand schon bei der Übernahme durch die Johanniterkomture Nidda.
Dieses Gotteshaus, eine Art Wehrkirche, etwas abseits vom Ort auf einer Anhöhe
schön gelegen, ein einschiffiger romanischer Bau mit gerade geschlossenem Chor
und mit Rundbogenportal wirkt trotz der durch einen Dachstuhlbrand verursachten
Veränderungen recht eindrucksvoll. Der Eichelsdorfer Schulmeister Hermann
Kummer bereitete dem Dorf 1657 schweren Kummer. Die von ihm im Kirchenspeicher
zum Trocknen aufgehängten Tabaksblätter fingen Feuer. Die Glocken schmolzen,
das Chorgewölbe brach ein.
Auf der kleinen der beiden neu gegossenen Glocken liest man:
"Anno 1657 die Kirche abgebrand,
Anno 1662 die Glocke wieder goßen Hans Adolf Getz, Hans Beuschel in Gießen goss mich".
Die Inschrift der großen Glocke lautet:
"Durch das Feuer flos ich,
Johannes Hensel in Gießen gos
mich den Gemeinden Eichelsdorf und Oberschmid. L. C.
H. Pfarher (Ludwig Christph
Horn v. 1697-1730) beide Bürgermeister J.S.H.R."
Schon im Jahre 1527 war die Reformation unter dem Landgrafen
Philipp des Großmütigen von Hessen im Dorf eingeführt worden. Ein ergreifendes
Zeichen christlicher Bauernfrömmigkeit ist noch heute die sinnige
Weihnachtsfeier mit der alten wundervollen Volksweise: Fröhlich soll mein Herze
springen", deren Tonsetzer unbekannt ist. Sagen von der wunderschönen
Jungfrau mit der Wunderblume, dem Drachen aus dem Drachenloch und dem Rübezahl
im "Roteberg" wurden aus altheidnischer Zeit herübergerettet in die
christliche Zeit und sind noch lebendig. Das Schicksal des Dorfes Eichelsdorf
ist im Laufe der Jahrhunderte ein rechtes Abbild der gesamtdeutschen Entwicklung.
In Kriegszeiten, namentlich im Dreißigjährigen Krieg (besonders 1622 und 1634/
55), im Siebenjährigen Krieg und während der Napoleonischen Kriege hatten die
schutzlosen Bauern durch Truppendurchzüge, Einquartierungen, Lieferungen,
Plünderungen und Schandtaten mancherlei Drangsale zu erdulden. Nach einer
Urkunde von 1629 (Hessisches Landesvisitation) gab es in Eichelsdorf von
steuerbaren Untertanen der Landgrafschaft Hessen- Darmstadt 24 Ackerleute, 64 Einläuftige und 3 Freie (Abgabenfreie). Die Ackerleute mussten
mit Pferde- oder Ochsengespann fronden, die sog.
Einläuftigen aus Mangel an spannbarem Vieh mit Handdiensten. Damals gab es also
in Eichelsdorf mehr Kleinbauern als wohlhabende Bauern. Nach den Forschungen
des treuen Heimatfreundes Lehrer Wilhelm Würz sank die Bevölkerungszahl von
etwa 455 Einwohnern des Jahres 1629 auf 128 im Jahre 1648 ab. Das bedeutete
einen Verlust in Zahlen von 327 Menschen, in Prozenten von 71,8 %; eine sehr
schwere Einbuße an biologisch wertvollen Menschen. In zäher Wiederaufbauarbeit
wurden nach dem Dreißigjährigen Kriege (nach 1648) von der stark
zusammengeschmolzenen Bevölkerung die Äcker neu bestellt, und etwa 100 Jahre
später war die Bevölkerungszahl von 1629 mit 455 Einwohnern überschritten
(1760: 470 Einwohner). Aber die Bauernnot hielt an, bedingt durch den
Siebenjährigen Krieg und die Jagdleidenschaft der Landgrafen von Hessen-
Darmstadt, des Landgrafen Ernst Ludwig (1678- 1739), der 1722 das Jagdschloss
Zwiefalten bauen ließ, und des Landgrafen Ludwig VIII. (1739- 1768). Damals
soll der durchschnittliche Jahresabschuss im wildreichen Eichelsdorfer Forst 40
Hirsche betragen haben. Groß war zuweilen der Wildschaden an den Waldrändern.
Die Folge war, dass etwa 6 v. H. der Einwohnerschaft des Dorfes 1767 nach
Russland auswanderten (Neugründung Jagodnaja Poljana etwa. 65 km von Saratow).
Welch reges Leben mag einst an den fürstlichen Jagdtagen und zu den Mastzeiten
in dem früher fast reinen Eichenwald von Eichelsdorf geherrscht haben! Nicht
allein die Eichelsdorfer, sondern auch die Bauern von Eichelsachsen,
Wingershausen, Eschenrod, Burkhards und anderen Dörfern trieben ihre Schweine
zur Eichelmast "umb gepürlich
Mastgeldt" in den Eichelsdorfer Wald. Ein alter
Eisenhammer verwertete die schwer schmelzbaren Eisensteine aus der "Eisenkaute"
und der "Arzbach". Zahlreiche Nagelschmiede hämmerten als bäuerliche
Handwerker am Amboss, und im Eichelsdorfer Wald qualmten die Meiler der Köhler.
Dazu klapperten viele Webstühle im Dorf. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
starben unter der Wirkung der Industrie die Gewerbe der Nagelschmiede, Köhler
und Weber aus. Es waren wirtschaftlich schwere Jahre in ganz Hessen für das
Bauernvolk, so dass manche Eichelsdorfer nach Amerika auswanderten. Aber nach
1885 ging es wieder langsam aufwärts. Ein Sägewerk entstand um 1880, und die
Eisenbahn Nidda-Schotten berührte seit 1885 das Dorf. Industrie und Verkehr
schufen neue und bessere Lebensbedingungen. Die Bevölkerung nahm zu, namentlich
nach der Aufnahme der Heimatvertriebenen aus dem Osten nach 1945. Auswärtige
und neue einheimische Industriezweige verbesserten die Lebensbedingungen im
Dorf. Die ansteigenden Bevölkerungszahlen spiegeln die günstige Entwicklung
wider. Eichelsdorf hatte 1828: 638 Einwohner, 1864: 723, 1885: 667, 1900: 752,
1939: 946, 1950: 1308 Einwohner. Die aufstrebende Gemeinde Eichelsdorf, die
eine Gemarkungsfläche von 1195 ha besitzt, gehört seit 1938 zum Kreis Büdingen
nach Auflösung des Kreises Schotten. Unberührt von den beiden Weltkriegen, hat
das schöne Dorf, das mit altem hübschen
Fachwerkhäusern geschmückt ist, seit 1945 einen erfreulichen Aufschwung
genommen.
Möge der Gemeinde Eichelsdorf mit Gottes Hilfe in einem befriedeten Deutschland auch weiterhin eine gedeihliche Zukunft vorwärts und aufwärts beschieden sein!
Abschrift aus der Festschrift des "TV Eichelsdorf 1920
zum 50- jährigen Jubiläum und Gau-Kinderturnfest v. 27.- 29.6.70
Mein Eichelsdorf
Seine Gründung
Wen von unseren Mitbürgern sollte das nicht interessieren,
wie der uns allen zu einem Wohnort gewordene Platz in vergangenen Zeiten seinen
Anfang genommen hat?
Gewiss, das sei zugegeben, es ist bei manchem die
vorgebrachte Frage sehr schnell erledigt; das liegt doch so nahe, es kann sich
hier doch nur um den Waldbaum, die Eiche handeln. Das muss zugegeben werden,
wir werden in unserer Gemarkung sehr oft an diesen Nutzbaum erinnert. Da ist zu
nennen: der Eichelbach, der Eichköppel, der Fünfeichenweg, die leider
untergegangene "Dicke Eiche" und auch die von dem verewigten
Revierförster Schmitt oft erwähnten "Trautmanns- Eichen". Und
schließlich, wenn wir dem Eicheltal folgen, blicken wir, von einer besonderen
Stelle aus, in das Dorf Eichelsachsen.
Doch gemach! Das Bächlein, das bei entstandener Wasserarmut
so gemächlich dahinfließt, aber bei Hochwasser so
viele Gefahren in sich birgt - am 4. Februar 1946 stand im Pfarrhauskeller das
Wasser 30 Zentimeter hoch hatte in früheren Zeiten einen ganz anderen Namen und
der war: Nitigis. Und jetzt werden wir einen Blick
werfen nach dem "Hohen Vogelsberg" und wir stellen fest, der Baum,
der bei Wanderungen im "Oberwald" (ab 600 m über N. N. Breite 9 km,
Länge 24 km) uns den kühlen Schatten spendet, ist die Rotbuche und sie hat dem
ganzen Gau den Namen gegeben, dort war Buchonien.
Anschließend in südlicher Richtung ist der Gau Wettereiba,
das von der Wetter durchflossene Lößland: die Wetterau. Jetzt müssen wir mit
unseren Untersuchungen weiterkommen, und da bleibt kein anderer Ausweg, als
der, wir haben es hier mit einem Manne zu tun. Dieser hat, seit Anbeginn der
Niederlassung, seinen Namen hergegeben und das war Eigil.
Ich verstehe es sehr gut, es tritt die Frage auf, wann ist
in der deutschen Geschichte zum ersten Male ein solcher Name in Erwähnung
gekommen? Der Heimatforscher muss bei seinen Studien weit zurückgehen, und
schließlich kommt er zum Jahre 335 n. Chr. Geburt. Wir befinden uns mitten im
26. Germanenkrieg, und da wird als König der Vandaler
ein Semno genannt mit seinen beiden Söhnen Eigil und Eirik. Die Namenserklärung des letztgenannten Sohnes macht
absolut keine Schwierigkeiten, es ist unser heutiges: Erich. Wie aber steht es
mit Eigil? Das im Jahre 744 durch Abt Sturmius gegründete Kloster Fulda (er war
ein Benediktinermönch) hatte in der Zeit von 818- 822 als seinen Vorsteher
(Abt) einen Hochbedeutenden Mann Eigil mit Namen. Diese Feststellung zeigt,
auch geistliche Würdenträger führten diesen Namen. Aber über eine Sache besteht
noch keine Klarheit und das ist so: Im rheinländischen Gebiet sind bei
Ausgrabungen, die sich auf römische Niederlassungen beziehen, so genannte Eigelsteine gefunden worden. Es mag dahingestellt sein, ob
der Name Eigil damit den in Verbindung gebracht werden kann, wir kämen dann zu
dem Wort Adler (aquila), was also Adlersteine zu
bedeuten hätte. Weiterhin dieser Vorname kommt heute noch in nördlichen Ländern
vor, und so bleiben wir bei der Annahme, unsere Vorfahren haben ihn von den
Skandinaviern übernommen. Für unsere weiteren Betrachtungen ist es sehr
schmerzlich, dass der Name des Gründers unseres Heimatdorfes nur einmal kurz
auftaucht und, dass weitere Daten seines Lebens nicht ausfindig zu machen sind.
Doch eine Begebenheit stimmt uns sehr tröstlich, die in früheren zum Kirchspiel
Eichelsdorf gehörenden Orte: Eideshausen (Odenhausen)
und das über den Ulfaerberg gelegene: Vroneholz (Frohneholz)- heute zur
Gemarkung- Ulfa gehörend- sind, wer weiß, wie sie einmal untergegangen sind, zu
den Wüstungen zu rechnen. Durch die Jahrhunderte hindurch ab blieb bestehen,
das den durch den frommen (das dürfen wir wohl sagen) fränkischen Reichsritter
Eigil angefangene Werk.
Wie oft ist es schon ausgesprochen und schriftlich
niedergelegt worden, der Siedler Eigil, der kann nur als Gründer unseres Dorfes
in Betracht kommen; haben denn die Leute, die so etwas behaupten, eine Vorstellung
davon, wie Siedlungen mitunter entstanden sind? Es sei an dieser Stelle darauf
hingewiesen, dass bei Errichtung neuer Wohnstätten das Wasser die allergrößte
Rolle spielte. Glauben die Kundschafter eine rechte Ansiedlungsstelle gefunden
zu haben und hatte sie auch das Einverständnis der bald anrückenden Sippe
gefunden, dann ging es schleunigst an den Hüttenbau, dann den machte' man sich
an die: Vorratsgruben und man war auch besorgt um die Unterbringung des
Nutzviehs, wenn solche Tiere vorhanden waren. Wie leicht konnte der Fall
eintreten, dass andere Stammesgenossen auch hier an dem eben ausgesuchten
Wohnort eine Bleibe wollten. Handelt es sich um friedliche Menschen, so erhob
sich kein Widerspruch, im Gegenteil, wenn unter den Ankömmlingen Männer waren,
die über eine größere Handfertigkeit verfügten, so waren die herzlich
willkommen. Doch wie sah das Bild aus, wenn zwischen alten und neuen Siedlern.
Reibereien entstanden, dann fiel dem Sieger die Aufgabe zu, für die Bestattung
der Toten zu sorgen und den Brandschutt auf schnellste Weise zu entfernen. Das
werden wir doch einsehen, solche Zustände werden sich keineswegs bei der
Entstehung unseres Heimatortes zugetragen haben.
In den nunmehr folgenden Zeilen kommen wir auf ganz andere
Gedanken. Als Wegweiser dient uns die Geschichtswissenschaft. Sie bezeichnet
die Zeit deutscher Geschichte von 400 (mitunter auch ab 500) n. Chr. Geburt bis
800 als "fränkische Landnahme"; fränkisch hat nicht die Bedeutung von
"altfränkisch", also altertümlich, sondern es handelt sich für unser
Gebiet um die fränkische Besitzergreifung. Der Volksstamm der Franken- es
handelt sich hier um die "salischen Franken" hatte von der
"Wasserkante" kommend unter ihrem König Chodwog
I. den römischen Statthalter Syagrius vertrieben und
ganz "Gallien" bis weit nach Süden unter seine Botmäßigkeit gebracht.
Es mussten sich auch die "ripuarischen
Franken", wie auch die Alemannen unter sein Regiment stellen. Es ist zu
verstehen, dass die Nachwelt ihn mit dem Ehrennamen "Mehrer des
Reiches" verehrte, andere Geschichtsschreiber gehen gar hart mit ihm um
und weisem mit aller Deutlichkeit auf seine charakteristischen Schwächen hin.
Ja, war er nicht unter dem Einfluss seiner Gemahlin Chlothilde ein Christ
geworden und hatten nicht wenige der Stammesgenossen ihn hier zu seinem
Vorbilde genommen. Alles hört sich gut an, auch dass es unter seiner Regierung
sogar zu Reichssynoden kam, aber es fehlte eine rechte Glaubensvertiefung. Die
Nachfolger im Königshause der Merowige waren wirklich
auch keine besseren Christen und man spricht sogar von Gräueltaten, die sich
unter den nächsten Angehörigen zugetragen haben. So war kein Vorbild für die
Untertanen vorhanden und es breitete sich eine Lasterhaftigkeit aus, über deren
Ausmaß ich hier schweigen möchte.
Da, auf einmal war eine langsame Besserung festzustellen und
im weiteren Verlauf sogar ein gewaltiger Umschwung in der Lebensführung. Wie
kam eine solche Erneuerung des Volkes? Den Dank dafür müssen wir den
iroschottischen Mönchen abstatten. Diese Ordensleute kamen, aus der alt-
britischen Kirche stammend, auf das europäische Festland. Hinsichtlich der
Verwirklichung des Christentums bei den heidnischen Menschen hatten sie ihre
besonderen Vorstellungen. Weltflucht und Wanderlust sind in ihren Reihen
festzustellen. Ein richtiges Vorbild sehen sie in dem Herrn Jesus Christum und
seinen Jüngern; so wandern sie, wie der Welterlöser mit den Seinen in der
Zwölfzahl. Wir lernen auch einen hervorragenden Vertreter in der Person des Columban kennen und führen die Klostergründung von Luxovium (Luxeuil), am
Südwesthang der Vogesen gelegen, auf seine Person zurück; wir schreiben das
Jahr 590. Man soll es nicht für möglich halten, welche Ausstrahlungen von
dieser Ordensniederlassung weit ins Land hineingingen. Auch die fränkische
Stadt Nürnberg wurde davon erfasst (sie ist heute noch die Hauptstadt von
Mittelfranken!) und viele Christen im Frankenlande. Das wieder gewonnene
Glaubensgut hinaus zu tragen in das deutsche Land, das war nunmehr weithin das
Bekenntnis.
Darauf sei besonders hingewiesen, in Konkurrenz treten
gegenüber den Bestrebungen, die von dem Kloster Honau
im Elsass ausgingen, den Gau Wettereibe (Wetterau) zu christianisieren, wollten
diese Frankenritter keineswegs. Jahres darf angenommen werden, dass sie die volle
Unterstützung des dortigen Abtes. Beatus in Anspruch nehmen konnten.
Selbstverständlich fand ihr Vorhaben auch das Gehör des regierenden
Königshauses der "Karolingern, die auf dem Wege über den
"Hausmeister" zur Königsherrschaft gekommen waren. (Das Königtum
Karls des Großen begann, im Jahre 768). Wir gehen nicht fehl in der Annahme,
dass mehrere Wagenkolonnen, ausgerüstet mit zahlreichen Gerätschaften, nach Buchonien in nordwestlicher Richtung in Marsch gesetzt
wurden, und alte Wanderwege: dienten den Männern aus dem Frankenlande, um das
vorgenommene Ziel zu erreichen. Im Niddatale
angekommen, wurde der seit undenklichen Zeiten bestehende
"Verkehrsknotenpunkt"' (die Weinfahrtswiese) nicht Außerachtgelassen.
Zur Sicherung dieses Wegestück, das ja bekanntlich zwischen Straße (Strohse) und Rainröder Weg gelegen ist, ließt man einen
tüchtigen Mann hier seine Zelte durch seine Mannen
aufschlagen und das war Eigel. Im oberen Niddatale
gingen - so nehmen wir an - die Rodungs- und Planierarbeiten gut vonstatten,
und bald wurden auch die notwendigen Gebäude für die Unterkunft der neuen
Inhaber - in einfacher Form sichtbar. Und siehe da, auch dieses neue
Schottenkloster konnte derselbe Abt Beatus von Honau
in dem Jahre 778 mit den fünf Niederlassungen in "Wettereiba" seinem
Sprengel einverleiben.- Aus diesen kleinen Anfängen
entstand die "Vogelsbergstadt"- Schotten.
Was uns angeht, aus der Unterkunft des Frankenritters wurde
im Laufe der Zeit unser jetzt ansehnliches Dorf: Eigelsdorph
Geschichtliche Ermittlungen belehren uns, dass gar bald in
der Nähe dieser Unterkünfte Gotteshäuser errichtet wurden und das trifft zu für
unsere Kirche. Wahrscheinlich nicht gering waren ihre Ausmaß, wenn man bedenkt,
das außer dem Hauptaltar- bestimmt- für Maria, die Mutter des Herrn, noch
Nebenaltäre für drei Heilige vorhanden waren. Ob dieses Heiligtum über einer
Quelle errichtet wurde, muss späteren Forschungen überlassen bleiben.
Mit aller Entschiedenheit trete ich der Auffassung entgegen,
die spätere Ortsgemeinde hätte sich bei ihrer Ausdehnung um das Gotteshaus
geschart. Das ist ganz bestimmt, in früheren Zeiten stand- nach Süden gelegen -
nur das Pfarrhaus mit dem Pfarrgarten (Kellergarten, Kirchengarten). Leider
konnte die Zeit der Verlegung nach der Dorfmitte noch nicht ergründet werden,
doch erhielt der zuständige Pfarrer, außer seinem Besitz von 34 Morgen Land,
auf der Ecke Hauptstraße- Rainröderweg ein gutes
Unterkommen, und die "Pfarrgasse" erhielt ihren Namen.
Dem Turnverein Eichelsdorf, gegründet am 15. Oktober 1920
ein Beitrag zu seiner Festschrift zum "Goldenen Vereinsjubiläum" mit
den besten Wünschen für ein gutes Gelingen
gewidmet von dem Freunde der Heimat
Rudolf Peter Pfarrer i. R.
Abschrift ( Auszug) aus den Büdinger Geschichtsblätter -
Historisches Nachrichtenblatt für den Kreis Büdingen. Herausgegeben vom
Büdinger Geschichtsverein - Band I, 1957. Das Amt Schotten. Von Fritz Sauer.
Die Anfänge
Das Südwestgehänge des Vogelsberges öffnet sich in seinen Bachtälern nach der gesegneten Wetterau hin und hat dadurch
noch Anteil an deren klimatischer Vorrangstellung. In besonders hohem Maße gilt
das von dem Tale der Nidda, in dem ein so Wärme liebender Baum wie die Walnuss
bis nach Schotten hinauf vorkommt. Ob diese Gunst des Klimas bereits in der
Jungsteinzeit das donauländische Bauernvolk der
Bandkeramiker, das durch Keramikfunde für die Harb bei Nidda nachgewiesen ist,
schon weit in den südwestlichen Vogelsberg hineingelockt hat, erscheint trotz
des Fundes einer bandkeramischen Harke in der Gemarkung Michelbach mangels
keramischer Funde ungewiss. In der Hügelgräberbronzezeit dagegen war der
Vogelsberg bis hinauf auf die Höhe ausweislich der die vorgeschichtlichen
Straßen säumenden zahlreichen Hügelgräber verhältnismäßig mäßig dicht
besiedelt. Auf dem Wildhauskopf hoch über dem Tale der Eichel bei Eschenrod
fanden sich Spuren menschlicher Siedlung aus der Jungsteinzeit und dem La- Tene. Der ersten Siedlungsperiode, die im Vogelsberg
bleibende Dörfer schuf, gehörte das im Tale des Gierbaches, der oberhalb von Rainrod
in die Nidda mündet, gelegene Dorf Gera (geraha) an. In der Zeit der großen
germanischen Landnahme - im 4.- 8. Jahrhundert - entstand an der Nidda selbst
Eichelsdorf, im Tälchen des unterhalb Schottens in die Nidda fallenden
Michelbaches Elbershausen und Michelbach, das weit unterhalb des heutigen
Dorfes Michelbach innerhalb der heutigen Gemarkung Schotten lag. Im
Läunsbachtal, das einen Höhenrücken vom Tal der Nidda trennt, lagen Staffelsau
und Volkmarshausen. In der gleichen Zeitspanne entstanden im Eicheltale Eichelsachsen und Wingershausen. Mit Busenborn
im oberen Eicheltale und Alt- Sichenhausen an einem
der Quellbäche der Nidder endlich schieben sich die Siedlungen dieser Periode
bis fast an die Passhöhen des Vogelsberges heran. usw.
Auszug aus den "Büdinger Geschichtsblätter -
Herausgegeben vom Büdinger Geschichtsverein - Band I, 1957. Seite 75 - 76.
Wenn auch urkundliche Frühnachweise fehlen, so lässt sich
doch mit Hilfe der Ortsnamenforschung die
siedlungsgeschichtliche Entwicklung in unserer Gegend einigermaßen erschließen.
In Bezug auf den Gesamtablauf des Geschehens ist wohl die Vermutung berechtigt,
dass es Raumnot war, die Siedler aus dem allzu stark bevölkerten Altsiedeland
der Wetterau zwang, auch in das wohl schwach besiedelte Niddatal und später
auch in die sternförmig vom Vogelsberg ausstrahlenden Talgründe der Bäche
vorzudringen, zu roden und Neusiedlungen zu gründen. Zu diesem Vorgang, der
sog. Innenkolonisation, gehören nach der fränkischen Landnahme im Bereich der
späteren Grafschaft Nidda für die 2. Rodungsperiode (etwa 500 - 800) u. a. die
Orte Kohden, Eichelsdorf, Einartshausen, Wallernhausen, Michelnau,
Wingershausen, Busenborn, für die 3. Rodungsperiode (etwa 800 - 1300)
Stornfels, Rainrod, Burkhards. Noch jünger dürften die Orte Unter- und Ober
Schmitten sein, die urkundlich erst 1441 erwähnt werden.
Heimat im Bild. Jahrgang 1969 / Nr.11 Gießener Anzeiger -
Alsfelder Kreis- Anzeiger - Büdinger Kreis- Anzeiger - Lauterbacher Anzeiger
März 1969
Eichelsdorf
Ein Bildbericht von K.- H. Basenau in Zusammenarbeit mit
Pfarrer i. R. Rudolf Peter.
Es mögen wohl 30 Millionen Jahre vergangen sein, da unsere
Erde in der Hauptsache ihre äußere Form angenommen hatte. Auf einmal brachen
aus dem Inneren des Erdballes Gesteinsschmelzflüsse unaufhaltsam hervor;
wohlverstanden nicht aus einer Stelle, sondern aus vielfachen und auch langen
Erdspalten, und legten sich ununterbrochen in geringerem und stärkerem Ausmaße
über das Urgestein. Nach dem Erkalten der Lavamassen zeigte sich ein Gebirgsland
von beträchtlichem Umfang. Zwar ließ die Namengebung noch längere Zeit auf sich
warten, doch zustande kam sie durch das nunmehr in unserer Gegend ansässig
gewordene Adelsgeschlecht fränkischer Herkunft, der Volkoldinge.
Der Vogelsberg ist also der "Volkoldesberg";
auch die Wüstungen Volkmarshausen (bei Eschenrod), Vockenhain (bei Betzenrod)
und der Vöckelsberger Hof (bei Ulrichstein) erinnern an dieses fränkische
Geschlecht.
Im weiteren Verlauf der Erdgestaltung bildeten sich nach
allen Himmelsrichtungen die Flussläufe, von denen die "nidaha"
(Nidda) und "nitigis" (der Eichelsbach) hier erwähnenswert sind. Was den schon
frühzeitigfränkischern Verkehr angeht, so entstanden an den Bergabhängen des
Niddatales die "Talrandstraßen". Wie die
Funde Aufschluss geben, zogen auf der einen Talseite die Schnurkeramiker, es
waren Hirten und Jäger, und auf der linken Seite Bezug nimmt Richtung auf das
Buchenland (Buchonia), wie man unsere Heimat damals nannte. Man kann es nur so
erklären, dass diese Männer die feste Absicht hatten, etwas für die Ausbreitung
des christlichen Glaubens zu tun. Durch ihre Rodungsarbeiten war die
Möglichkeit gegeben für die dritte Gründung eines Schottenklosters auf dem
Festlande. So entstand Schotten, die Vogelsbergstadt. Einer aus dieser
Ritterschar erhält den Auftrag, mit seinen Mannen in
südlicher Richtung einen Platz ausfindig zu machen, der geeignet zur
Wegsicherung. Das ist dann eine große Beruhigung für den Fortgang der schweren
Arbeiten. Eine Lösung für die an ihn gestellte Aufgabe ist bald gefunden und
ergibt sich am Anfang des Verbindungsweges zwischen der linken und rechten Talrandstraße (Brandesgasse, früher Pfarrgasse) und die
ersten Zelte werden errichtet im Gebiet der Weinfahrtswiese, wie sie seit
geraumer Zeit ihren Namen hat. Die Sicherungsabteilung der Frankenritter stand
unter der Führung des "Reichsritters" Eigel. Er ist der eigentliche
Gründer Eichelsdorfs, also "Dorf des Eigel". Er mag etwa um 770 am
Hang des Eichküppel sein Haus gebaut haben. Die
mündliche Überlieferung erzählt, das alte Eichelsdorf habe dicht unterhalb der
Kirche in den "Kellergärten" gelegen. Dieser Flurname und gefundene
Stufen sind bis Jetzt die einzigen Beweise für die Richtigkeit der
Volksmeinung. Es wäre kein Grund zu nennen, der die alten Eichelsdörfer
veranlasst haben könnte, ihre Kirche, die man doch gern mitten im Dorf lässt,
einige hundert Meter außerhalb des Dorfes zu erbauen.
Es mag schon so gewesen sein, dass das ältere Eichelsdorf zu
Füßen seiner Kirche lag. Folgende Sage erklärt die Lage der Kirche außerhalb
des Dorfes auf ihre Weise (Hessische Sagen, 1912): Als die Eichelsdörfer die
Absicht hatten, eine Kirche zu erbauen, sollte dieselbe unten in den Grund bei
der Junkermühle zu stehen kommen. Das litt aber der Teufel nicht. Alle Nacht
trug er ihnen die Steine und das Holz hinauf auf die Anhöhe über dem Orte. Es
half und battete alles nichts, man musste die Kirche
dahin bauen, wo sie jetzt noch steht, so ungelegen es
den Leuten auch immerhin ist. - Das alte Eichelsdorf wanderte vom Hang des
Eichköppels, dem Kirchberge, hinunter ins Eicheltal, seit 140 Jahren sogar über
die Nidda zur neuen Straße (Bundesstraße). Seine Kirche ist nicht gefolgt. Sie
blieb bis heute Kirche von Eichelsdorf und Ober- Schmitten. Das
"Drachenloch" an der Grenze von Rainrod und Eichelsdorf wird als
wüste Bergwand, nur hier und da von Dorngestrüpp bedeckt, bezeichnet. Wir lesen
in einem alten Text: "... da stand vor alters ein hoher, heiliger Wald und
haben die Heiden drin Kirche gehalten..." Die Volksmeinung, dass alle
Kirchen einen heidnischen Opferplatz als Vorläufer gehabt hätten, ist nicht
richtig. Jedenfalls gefiel dem ersten Gründer Eichelsdorfs die trockene
Bodenwelle über dem wasserreichen Eicheltale. Über
dem Dorfe wurde eine kleine Holzkapelle errichtet, bei der die Toten begraben
wurden. Eine feste Mauer umgab wohl das Ganze, um in unruhigen Zeiten den
Bewohnern mit ihren Tieren einen Zufluchtsort zu geben. Es liegen vier
Jahrhunderte ohne bedeutende Ereignisse vor uns. Da auf einmal kommt der Ort wieder
in Erwähnung. Durch die Schenkung des Grafen Berthold II. zu Nidda an den
Johanniterorden wird auch die Pfarrei Eichelsdorf, was ihren ländlichen Besitz
angeht, sehr reich ausgestattet. Es ist das Jahr 1187. Auch auf sonstigen
Gebieten waren die Ordensleute von großer Umsichtigkeit. Die jetzige
Eichelsdörfer Kirche muss nach Feststellungen von Sachverständigen um das Jahr
1230 entstanden sein. Die Johanniter arbeiteten mit Sicherheit an dem Bauwerk
Romanische Teile der später veränderten Kirche sind noch
deutlich zu erkennen. Aus der Johanniterurkunde von 1187 gehen noch zwei
weitere Hinweise hervor: Neben "Eigelesdorph" (Eichelsdorf) werden
heute nicht mehr vorhandene Orte wie "Richolueshusen"
(Rechelshausen), "Vrohneholz " (Hoffeld), "Odenhusen" (Odenhausen/
Eidenhausen) und "Habechesbach" (Haisbach) genannt. Sie sind im Laufe
der Geschichte verlassen worden (Wüstungen) und nur noch in Flurbezeichnungen
zu finden. Die Urkunde spricht zweitens vom Zugehör wie "8 Solidos
(Münzen), 4 Hühnern, 1 Maß Weins... usw." In Eichelsdorf also Weinbau!
Dass er im Laufe der Zeit verschwand, mag in der Erfahrung gelegen haben, dass
das Klima sich nicht eignete und die steigende Bevölkerungszahl die
"sauren" Weingärten nutzbringender zu bepflanzen wusste. Die Kehlen der
Vorfahren waren wohl nicht so zart wie der der Nachkommen.
Im Heimatbüchlein des Ev. Dekanats Schotten lesen wir von
der Wüstung "Rechelshausen": "Dieses Dörfchen lag südlich von
Eichelsdorf am Fußweg nach Michelnau in der heutigen Gemarkung Unter- Schmitten.
Heute finden wir dort einen brombeerumrankten Steinhaufen mit Dachschiefern und
behauenen Sandsteinbrocken, den Rest der zerfallenen Kapelle, die von
"Waldbrüdern", sicher Johannitermönchen, betreut wurde, die in einer
Klause wohnten. Die Bewohner verzogen sich in die um 1450 entstehenden
Industriesiedlungen Ober- und Unter- Schmitten. Die "Waldbrüder"
hielten aus, bis nach 1527 der Großteil der Niddaer Johanniter evangelisch
wurde. 1537 lag die Kapelle der gewesenen Waldbrüder in Trümmern. Die Flurnamen
"Off de Kabern" (- Kapelle).
"Klauselwiese" und "Klauselweg" führen heute noch eine
beredte Sprache. Das Land um Klause und Kapelle ist im Besitz der Pfarrei
Eichelsdorf, obgleich es in der Gemarkung Unter- Schmitten im kirchlichen
Bereiche von Nidda liegt"
Eine uralte Wandersage bezieht sich gleich auf zwei
Flurbezeichnungen: "Der Unter- Schmittener Schäfer hütete einmal bei der Kabern. Da träumte er von einem wunderschönen Garten, in
dem er eine herrliche Rose fand und pflückte. Da öffnete sich eine Tür unter
den Trümmern, und eine Jungfrau führte ihn in eine Schatzkammer. Er legte die
Rose weg und füllte seine Taschen mit allerlei Kostbarkeiten. Die Jungfrau
warnte: ‚Vergiss das Beste nicht!' Der Schäfer ließ jedoch die Rose liegen und
konnte, nach Hause geeilt, seiner Frau nur die leeren Taschen zeigen."
Dann hören wir von einem Bauern aus Eichelsdorf, der beim Holzmachen im
"Kellergarten" bei der Kirche eine goldgelbe Schlüsselblume fand, sie
in den Mund steckte und... (weiter vergl. Rechelshausen).
Im Mittelalter hat bestimmt im Eichelsdörfer Gebiet eine
Eisenschmelze bestanden. Als Beweis hierfür sei der Flurname
"Blechwiese" angeführt Eisenvorkommen bezeichnen die Namen wie
"Eisenkaute", "Arzbach" und "Eisern Henn". Ihre
Ergiebigkeit hat bestimmt frühzeitig zu wünschen Übriggelassen, denn wir hören,
dass die Eichelsdörfer Nagelschmiede das erforderliche Eisen von dem sehr
befreundeten Ruppertsburg bezogen. Der "Eisenköpper bei Rainrod, das
"Eisenried" bei Unter- Schmitten seien weitere Hinweise in diesem
Zusammenhang. Die sehr alte Waldschmiede unterhalb Eichelsdorf, die die
Erzvorkommen der "Arzbach" ausgenutzt haben dürfte, wurde abgelöst
durch die beiden Waldschmieden, die uns eine Urkunde des Klosters Hirzenhain
1441 als "Oberste" und "Unterste Waltschmitte" nennt und
aus denen die heutigen Dörfer Ober- und Unter- Schmitten hervorgegangen sind.
Im Jahre 1528 wurde die Reformation in Eichelsdorf
eingeführt. Der erste Pfarrer nach der Einführung war Vulffgangus,
sein Nachfolger Samuel Biedenkapp. Der erste
Einwohner des Dorfes, der dem Chronisten begegnete, hieß Bernhard Jüngling. Am
10. September 1598 kaufte er von dem Schultheiß und Oberförster Hanns Sauer zu
Stornfels das Gut von Reinhausen.
Dem Dreißigjährigen Krieg fiel etwa die Hälfte der
Einwohnerschaft des Dorfes zum Opfer. Die entsetzlichen Kriegshandlungen, aber
vor allen Dingen die Pest waren am Werk. Aus alten Aufzeichnungen entnehmen wir
über 600 Reichstaler Kriegsunkosten, ohne die Ablieferungen an Lebensmitteln,
Haustieren und Ersatz für vernichtete Hauseinrichtungen.
Der große Kirchenbrand von 1657 vernichtete einen großen
Teil des Gotteshauses. In dem o. g. Heimatbüchlein ist zu lesen: "Im Jahr
1657, am 19. September, wurde dieses Gotteshaus zum größten Teil ein Raub der
Flammen durch Unvorsichtigkeit des, gottlosen Schulmeisters Hermann Kummer,
welcher durch seine Dienstboten im oberen Teile der Kirche das verwünschte
Tabakskraut aufhängen ließ'". Tabakanbau in Eichelsdorf nach dem
30jährigen Krieg! Durch die Soldaten war das Tabakrauchen bekannt geworden. Der
Lehrer benutzte den Kirchenspeicher als Trockenraum für seinen
"Eigenbau".
Die Dienstboten arbeiteten dort wohl Rauchenderweise, der
Tabak geriet in Brand, das Dachgeschoß der Kirche brannte ab, ebenso der Turm,
die Glocken schmolzen, das Chorgewölbe stürzte ein (1964 in Holzkonstruktion
wieder ergänzt). Die Kirche musste wieder in Ordnung gebracht werden. Geld war
nicht vorhanden. Deutschland hatte ja den 30 jährigen Krieg hinter sich. Die
Hälfte der Bevölkerung war diesem zum Opfer gefallen. Was noch lebte, war
"so arm wie eine Kirchenmaus". Die Eichelsdörfer kratzten ihr weniges
Bargeld zusammen, im Land wurde eine Kollekte erhoben, der "gottlose
Schulmeister Hermann Kummer" sühnte seine Schuld: Mehrmals durchwanderte
er mit "einem Gesellen" halb Deutschland und sammelte Gelder für den
Wiederaufbau seiner Heimatkirche. Die Kirche wurde wieder ausgebessert, eine
Glocke beschafft, aber die Arbeiten wurden so ausgeführt, dass damalige Fehler
bis in unsere Tage blieben." Mit besonderer Tatkraft ging Pfarrer Ludwig
Christoph Horn ans Werk. Um 1700 galt es, die "Notkirche" besser
auszugestalten. Durch Kollekten und "gesetzgeld"-
Umlagen brachte er das Geld für eine Orgel und eine zweite Glocke zusammen.
Dies in einer Zeit, die die Schäden des großen Krieges noch nicht überwunden
hatte!
1766/67 erfolgte die erste große Auswanderung. Wohl bestand
das Recht auf freies Pürschen", doch dem standen
fast unerfüllbare Dienstleistungen entgegen: Jagdfronden, Kriegsfolgelasten,
enormer Wildschaden. Sehr günstige Angebote durch Katharina II. (russische
Zarin 1762) brachten 6 Prozent der etwa 470 zählenden Einwohner unserer Gegend
zur Auswanderung. Hier mag die Gründung von Jagodnaja Poljana erwähnt werden,
eine durch den Fleiß der Ansiedler bald blühende Wolgakolonie.
Nun einige bedeutsame Daten aus dem vorigen Jahrhundert:
1845 wird die Brücke über die Nidda gebaut. Vorher ging der Verkehr durch die
Furt - Werkstatt Emrich - Kätzerbach. 1849 entstand infolge einer Missernte
großes Unglück und Elend. Verschiedentlich traten Todesfälle durch Hungertyphus
auf. Es entstand eine allgemeine Teuerung und Verschuldung vieler Bauernhöfe.
1856 griff man hart gegen Bettler durch. Da die Gemeinde Eichelsdorf ihre Armen
durch Verpflegung selbst unterstützt, durch auswärtige Arme aber sehr belästigt
wird, beschließt der Gemeindevorstand, keinem Bettler mehr irgend
eine Gabe zu verabreichen. Fremde Bettler sollen, wenn sie in Häuser
gehen, sofort auf Bürgermeisterei vorgeführt werden. Der damalige Bürgermeister
war Johann Peter Freymann. Seine Vorfahren stammten aus der Schweiz und
schrieben ihren Namen Frymann.
Die Personenbeförderung durch die Post, bisher nur
Friedberg- Nidda, wird 1866 bis Schotten erweitert. Es fahren täglich die
gelben sechssitzigen Postwagen mit dem Schwager (Postillon) auf dem Kutschbock.
Eichelsdorf erhält 1871 eine zweite Schulklasse. Da kein Platz im alten
Schulhause, kommt die Unterklasse in das untere Stockwerk der alten
Oberförsterei (Borngasse: Anwesen Heb. Schmidtberger). Das Sägewerk wird 1883
durch die Gebrüder Himmelsbach eröffnet. Zum Schwellenschneiden wird vorläufig
nur eine Kreissäge aufgestellt, Erweiterung später durch eine Bandsäge. Der
Betrieb, Belegschaft damals 120 Mann, wird 1910 nach Nidda verlegt. Am 26. Mai
1888 ist die Eröffnung der Nebenbahn Nidda- Schotten über Eichelsdorf. Im
Sommer 1961 werden die Schienen und Schwellen abgebaut, das Bahngelände
allmählich veräußert; der Personenverkehr erfolgt nun durch die Bahnbusse. Im
August 1895 wird die neue Schule eingeweiht. Errichtet ist sie auf dem Grund
und Boden der abgerissenen und nach Wingershausen verkauften alten Schule.
Grundsteinlegung für die Erweiterung der Anlage und den inneren Ausbau des
vorhandenen Schulgebäudes ist der 23. April 1955. Die Neueinweihung war am 16.
Oktober dieses letzt angegebenen Jahres. Die Errichtung der Brücke über die
Eichel (Schlaggasse/ Borngasse) geht auf das Jahr 1898 zurück.
In Eichelsdorf war bereits um das Jahr 1600 eine Schule
vorhanden. Aus Aufzeichnungen des alten, verstorbenen Ober- Schmittener Lehrers
J. Diehl (dort Lehrer von 1910 bis 1945) erfahren wir, dass 1612 der
Schulmeister Johannes Wilhelm mit Befürwortung durch Pfarrer Valentin Fritsch
in Eichelsdorf um Gewährung von Brennholz und Mastfreiheit für einige Schweine
bittet. Das Einkommen aus der Schule sei "mit über 15 Gulden". Sein
Nachfolger, Johannes Götz, stirbt 1622, wie sein Grabstein an der
Friedhofsmauer verrät. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass
die schulpflichtige Jugend von Ober- Schmitten schon um diese Zeit nach
Eichelsdorf eingeschult ist und treu und brav bei Wind und Wetter täglich sich
dort einfindet. In der Periode von 1630 bis 1850 scheint die Eichelsdörfer
Schule verwaist zu sein. Es wird in dieser Zeit des 30 jährigen Krieges kein
Schulmeister genannt Erst 1651 übernimmt Hermann Kammer die Schule, 1660
Eberhard Henkel, dem 1673 Johannes Orth folgt. Mit der neu beschafften Orgel
(siehe Pfarrer Horn) scheint der 69 jährige, der 25 Jahre in Eichelsdorf
wirkte, nicht recht fertig zu werden. Er wird 1697 "wegen seines Alters,
neuen Orgel und Musik seiner Bedienung entlassen" und stirbt 1705 im 77.
Lebensjahr.
Die Kinder des Nachbardorfes Ober- Schmitten mussten nach Eichelsdorf zur Schule gehen. 1721 bittet die Filialgemeinde aber durch ihren Pfarrer Horn zu Eichelsdorf den Superintendenten in Gießen um die Erlaubnis, ihre Kinder wenigstens im Winter im eigenen Dorf unterrichten zu lassen. So kam es, dass ein Winter- Schullehrer eingesetzt wurde. Nach einem Vertrag, der am 4. November 1730 zwischen der Gemeinde Ober- Schmitten und dem Winter- Schullehrer Johann Heinrich Götz zu Eichelsdorf abgeschlossen wird, verpflichtet sich dieser, "morgens früh auf die Ober- Schmitte zu kommen und die dasigen Kinder treu und fleißig zu informieren". Dagegen versprachen die Ober- Schmitter, "so Kinder schicken, von jedem Kind 20 albus (2/3 Gulden) und des Tages einmal zu essen zu geben". Götz versah die Winterschule von 1730 bis 1739. Bereits 1721/ 22 wurde durch denselben Lehrer Götz Winterschule gehalten. Nach Ostern besuchten die Kinder wieder die Eichelsdorfer Schule. Erst um 1750 gab es mit der Einrichtung einer eigenen Schule in Ober- Schmitten eine Änderung dieser Verhältnisse. Heute zählt Eichelsdorf rund 1300 Einwohner. Während des letzten Krieges waren es etwa 900. Nach der Volkszählung 1947 kamen zu 923 Einheimischen noch 288 Heimatvertriebene, 105 Evakuierte und 8 im Dorfe sich aufhaltende Soldaten, insgesamt also 1324.
Mein Eichelsdorf
Ausschnitte aus seiner Chronik (Abschrift aus der
Festschrift anlässlich der Einweihung der Mehrzweckhalle in Eichelsdorf am 27.
August 1966)
Es mögen wohl 30 Millionen Jahre vergangen sein, da unsere
Erde - nach dem Willen ihres Schöpfers - in der Hauptsache ihre äußere Form
angenommen hatte, auf einmal brachen aus dem Inneren des Erdenballs
Gesteinsschmelzflüsse unaufhaltsam hervor; wohlverstanden nicht an einer
Stelle, sondern aus vielfachen und auch langen Erdspalten und legten sich
ununterbrochen in geringerem und stärkerem Ausmaße über das Urgestein. Siehe
da, nach dem Erkalten der Lavamassen, zeigte es sich: ein Gebirgsland von
beträchtlichem Umfang war geworden. Zwar ließ die Namengebung noch längere Zeit
auf sich warten, doch zustande kam sie durch das nunmehr in unserer Gegend ansässig
gewordene fränkische Adelsgeschlecht der Volkoldinge.
Im weiteren Verlauf der Erdgestaltung bildeten sich nach
allen, Himmelsrichtungen die Flussläufe, von denen die Nidda (nidaha) und der Eichelsbach (nitigis) hier erwähnenswert sind. Was den schon frühzeitig
einsetzenden Verkehr angeht, so entstanden an den Bergabhängen des Niddatals
die "Talrandstraßen". Wie die Funde
Aufschluss geben, zogen auf der einen Talseite die Schnurkeramiker (es waren
Hirten und Jäger) und auf der linken Seite begegnen wir den schon
Ackerbautreibenden Bandkeramikern, vielleicht aus dem Donauraum her
eingewandert. Reichliche Funde aus der Hügelbronzezeit geben uns den Beweis,
dass unsere Gegend auch damals sehr bevölkert war.
Und nun ein neues Bild.
In der Geschichtswissenschaft wird die Zeit von 400 bis 800
die fränkische Landnahme bezeichnet. In diesem geschichtlichen Abschnitt breschen aus dem Frankenland mit seiner "Reichsstadt
Nürnberg" "Reichsritter" auf einmal hervor und ihr Zug nimmt
Richtung auf das Buchenland (Buchonia). Man kann es nur so erklären, dass diese
Männer die feste Absicht hatten, etwas für die Ausbreitung des christlichen
Glaubens zu tun. Durch ihre Rodungsarbeiten war die Möglichkeit gegeben für die
dritte Gründung auf dem Festlande für ein Schottenkloster, somit entstand
Schotten, die Vogelsbergstadt.
Und weiterhin: Einer aus dieser Ritterschar - es war
bestimmt ein zuverlässiger Mann - erhält den Auftrag, mit seinen Mannen in
südlicher Richtung einen Platz ausfindig zu machen, der geeignet zur Wegsicherung.
Das ist dann eine große Beruhigung für den Fortgang der schweren Arbeiten. Eine
Lösung für die an ihn gestellte Aufgabe ist bald gefunden und ergibt sich am
Anfang des Verbindungswegs zwischen der linken und der rechten Talrandstraße (Brandesgasse), früher Pfarrgasse und die
ersten Zelte werden errichtet im Gebiet der Weinfahrtswiese, wie sie seit
geraumer Zeit ihren Namen hat. Die Sicherungsabteilung der Frankenritter steht
unter der Führung des "Reichsritters" Eigel. Er ist der eigentliche Gründer
unseres Heimatdorfes und was das Jahr angeht, so sind wir nur auf Vermutungen
angewiesen, doch dürfen wir getrost 770 hierher setzen.
Es mag manchem die vorausgegangene Feststellung recht
betrüblich erscheinen, doch zufrieden gestellt werden wir, wenn wir daran
denken, dass die ganz in der Nähe gelegenen Weiler Vrohneholz (Hoffeld) und
Eidenhausen (Odenhausen) (Vor der Höllenwiese gelegen) heute zu den
"Wüstungen" zu rechnen sind.
Wiederum liegen vier Jahrhunderte ohne bedeutende Ereignisse
vor uns. Da auf einmal kommt unser Heimatort wieder in Erwähnung. Durch die
hochherzige Schenkung des Grafen Berthold II zu Nidda an den Johanniterorden
wird auch die Pfarrei Eichelsdorf - was ihren ländlichen Besitz angeht - sehr
reich ausgestattet. Es ist das Jahr 1187.
Auch auf sonstigen Gebieten waren die Ordensleute von großer
Umsichtigkeit. Im Mittelalter hat bestimmt auf Eichelsdörfer Gebiet eine
Eisenschmelze bestanden; als Beweis hiefür sei der Flurname angeführt; die
Blechwiese.
Eisenvorkommen: Eisenkaute (Schmittchaussee) Arzbach und
Eisern Henn; ihre Ergiebigkeit hat bestimmt frühzeitig zu wünschen übrig
gelassen, denn wir hören, dass die Eichelsdörfer Nagelschmiede das
erforderliche Eisen von dem sehr befreundeten Ruppertsburg bezogen.
1528: Einführung der Reformation.
Erster Pfarrer: Vulffgangus
Nachfolger: Samuel Biedenkapp
1596: Der erste Einwohner unseres Dorfes, der dem
Chronikschreiber begegnete hieß: Bernhard Jüngling. Am 10.September des
vorgenannten Jahres kaufte er von dem Schultheiß und Oberförster Hanns Sauer zu
Stornfels das Gut von Reinhausen.
1618- 1648: Der Dreißigjährige Krieg. Die Hälfte etwa der
Einwohnerschaft unseres Dorfes fiel der Vernichtung anheim; die entsetzlichen
Kriegshandlungen, aber vor allen Dingen die "Pest" (eine
Lungenseuche) waren am Werk. Kriegsunkosten über 600 Reichstaler, ohne die
Ablieferungen an Lebensmitteln, Haustieren und Ersatz für vernichtete
Hauseinrichtungen.
1657: Der große Kirchenbrand, verursacht "ob des
verwünschten Tabakskrauts"; das Gewölbe des Chors eingestürzt (1964 in
Holzkonstruktion wieder ergänzt); die beiden Glocken zerschmolzen.
1767: Die erste große Auswanderung. Wohl bestand das Recht
auf "freies Pürschen", doch dem standen
fast unerfüllbare Dienstleistungen entgegen: Jagdfronden, Kriegsfolgelasten,
enormer Wildschaden. Sehr günstige Angebote durch Katharina II (russ. Zarin 1762) brachten 6 % der etwa 470 zählenden
Einwohner unserer Gemeinde zur Auswanderung (Gründung von: Jagodnaja Poljana;
durch den Fleiß der Ansiedler bald blühende Wolgakolonie).
1833/ 34: Die Staatsstraße Nidda - Schotten wird ausgebaut (Schossi) seit dem 1. Januar 1962 Bundesstrasse 455.
1845: Die Brücke über die Nidda wird gebaut; vorher ging der
Verkehr durch die Furt - Werkstatt Emrich - Kätzerbach.
1849: Mitte der vierziger Jahre durch Missernte ein großes
Elend. Verschiedentlich Todesfälle durch Hungertyphus; allgemein große
Teuerung, schwere Verschuldung vieler Bauernhöfe. Stephan Alt (concessionierter Agent) veröffentlich am 9. Juni d. J. im
"Intelligenzblatt für den Bezirk (Regierungsbezirk) Nidda", dass er
Auswanderer zur Neuen Welt nach Bremen fährt. (Abfahrt 9. Juli).
1856: 10. Januar. - Da die Gemeinde Eichelsdorf ihre Armen
durch Verpflegung selbst unterstützt, durch auswärtige Arme aber sehr belästigt
wird, so hat der Gemeindevorstand beschlossen, keinem Bettler mehr irgend eine
Gabe zu verabreichen. Fremde Bettler sollen - wenn sie in Häuser gehen - sofort
auf der Bürgermeisterei vorgeführt werden. Damaliger Bürgermeister: Johann
Peter Freymann; seine Vorfahren stammten aus der Schweiz und schrieben ihren
Namen Frymann.
1866: Die Personenbeförderung durch die Post - bisher nur
Friedberg- Nidda- wird bis Schotten erweitert; es fahren täglich die gelben
sechssitzigen Postwagen mit dem Schwager (Postillon) auf dem Kutschbock.
1871: Unser Heimatdorf erhält eine zweite Schulklasse; da
kein Platz im alten Schulhause, kommt die Unterklasse in das untere Stockwerk
der alten Oberförsterei (Borngasse: Anwesen Heinrich Schmidtberger).
1883: Das hiesige Sägewerk wird durch die Gebrüder
Himmelsbach eröffnet; zum Schwellenschneiden wird vorläufig nur eine Kreissäge
aufgestellt; Erweiterung später durch eine Bandsäge; der Betrieb wird 1910 nach
Nidda verlegt: Belegschaft damals: 120 Mann.
1888: Am 26. Mai Eröffnung der Nebenbahn Nidda - Schotten;
im Sommer 1961 werden die Schienen und Schwellen abgebaut; das Bahngelände wird
allmählich veräußert. Personenverkehr jetzt durch die Bahnbusse.
1895: Im August wird die neue Schule eingeweiht; errichtet
ist sie auf Grund und Boden der abgerissenen und nach Wingershausen verkauften
alten Schule. Grundsteinlegung für die Erweiterung der Anlage und den inneren
Ausbau des vorhandenen Schulgebäudes ist der 23. April 1955; Neueinweihung am
16. Oktober dieses letzt angegebenen Jahres.
1898: Errichtung der Brücke über die Eichel (Schlaggasse/
Borngasse).
1920: Während der Amtszeit von Bürgermeister Wilhelm Löffler
werden Anfang der Zwanziger Jahre für die stationierten Gendarmeriebeamten zwei
Familienwohnungen errichtet. In etwas späterer Zeit eröffnen zwei Unternehmer
die Steinbrüche am "Kuhtrieb" und im "Drachenloch" N.B.
Später findet die Klopfmaschinenhalle eine Verwendung bei der Errichtung der
alten Turnhalle.
1924: Erweiterung im Ortsbild: Errichtung von Wohnhäusern am
linken hinteren Ende der Schlaggasse.
1938: Seitdem 1.November gilt der Kreis Schotten als
aufgelöst (errichtet am 1. August 1852). Das Pfarrdorf Eichelsdorf Kreis
Schotten hat aufgehört zu existieren; unser Heimatort wird dem Kreis Büdingen
zugeteilt.
1947: 30. April (Volkszählung):
frühere Einwohnerzahl 923
Neubürger (Heimatvertriebene) 288
Evakuierte (Maßnahme durch den Bombenkrieg) 105
Soldaten (im Dorf noch sich auf haltend) 8
gesamt 1316
Unendlich schwere Tage liegen hinter Euch, Ihr Neubürger,
doch werdet Ihr gemerkt haben, dass, nach anfänglichen Schwierigkeiten, es sich
in unserem Dorfe recht gut leben lässt.
1951: Anfang Juni: Der Männergesangverein
"Eintracht" besteht 75 Jahre. 2.- 4.Juni ein wohl gelungenes Sängerfest
unter Ausrichtung des Vereins.
1959: 30. Mai- 1. Juni: Der Sportverein begeht die
Einweihung des mit großen Opfern errichteten Sportplatzes. (Vereinsgründung am
1 Jan. 1946).
1959: Am 15. November wurde das Ehrenmal in veränderter Form
der Einwohnerschaft feierlich übergeben. Auf den angebrachten Tafeln sind die
Namen der in zwei Weltkriegen (1914- 1918; 1939- 45) auf dem Felde der Ehre
Gefallenen, der durch ihre schweren Wunden Verstorbenen und der vermissten
Kriegsteilnehmer verzeichnet.
1962: Anfang Januar: Die Neuerrichtete Brücke bei der
Jungkernmühle ist bald fertig gestellt und kann dem Verkehr übergeben werden;
auch die Fertigstellung der oberen Brücke wird dann nicht mehr lange auf sich
warten lassen; Diese Bauwerke waren im Zuge der Flurbereinigung erforderlich.
1962: 10. Januar: Dorfgemeinschaftsabend anlässlich der
Verleihung des 3. Preises für die erfolgte Dorfverschönerung. Der Landrat
überreichte:
1.) einen Wappenteller des Landkreises Büdingen
2.) eine Geldspende von DM 100.--
3.) eine zusätzliche Gabe in der Höhe von ebenfalls DM
100.--
1962: In einer Feierstunde am Nachmittag des 9. Juni wurde
der an der Motzengasse gelegene Kinderspielplatz seiner Bestimmung übergeben.
Es steht zu hoffen, dass das junge Volk reichlich von dieser segensreichen
Einrichtung Gebrauch nimmt.
1963: Das Bürgerhaus.
5. Juli: Beschlussfassung über seine Errichtung
15. November: Baubeginn
3. September 1965: Das Richtfest ist für heute anberaumt
1964 Mitte Juli: Beschlussfassung der Gemeindevertretung
über das Wochenendbaugebiet am Kleeberg: es sind 42 Wohnstätten vorgesehen.
1966: Aus der Landwirtschaft:
1962: 229 Kühe und Rinder
1963: 197 Kühe und Rinder
1966: 30 Pferde
Abschluss:
Die zuletzt gemachte Bemerkung über die Landwirtschaft zeigt
unbestechlich an, dass in dieser Zeit der zunehmenden Motorisierung eine
Existenzmöglichkeit für die kleineren Betriebe nicht gegeben ist. Trotzdem
herrscht in unserem Dorfe keine Arbeitslosigkeit; Beschäftigungsmöglichkeiten
sind in den Papierfabriken, dem Spanplattenwerk wie auch bei den
Bauunternehmungen reichlich vorhanden. Aus Raummangel waren in diesem Bericht
nur kurze Ausschnitte möglich; es ist aber das Bestreben des Chronikschreibers
in einiger Zeit eine umfassende Darstellung der Entwicklung unseres
Heimatdorfes zu geben. Der Einblick in seinen Werdegang wird auch für unsere
Sommergäste einen Gewinn bedeuten.
"Der Heimat will ich dienen
Der Heimat, die alles uns ist!"
In herzlicher Verbundenheit der langjährige Pfarrer und
Freund der Heimat
Rudolf Peter.
Urkunde von 1187 in lateinischer Schrift
Übertragen von Dr. Hans Lentz, Bad
Salzhausen.
IN NOMINE (=SANOTAE) ET INDIVIDUE (=INDIVIDUAE) TUINITATIG.
Notum sit
omnibus Christi fidelibus tam fururis quam
praesentibus, quod comes Bertoldus, homo nobilis, omni virtute
praeclarus, instinotu divini amoris pro redemptionepeccatorum suorum et
pro absolutione animarum patris et matris ceterorumque parentum suorum parrochiam in Nithehe cum omnibus appendiciis contradidit et delegavit sancto hospitali in Iherosolimis sancti Johannis baptiste (=baptistae) anno dominice (=domnicae) incarnationis MCLXXXVII
(1187), temporibus Friderici
imperatoris, ipso imperatoreconsentiente,
praesidente quoque Moguntinae ecclesiae, Romanae ecclesiae legato, scilicet Cuonrado, eiusdem ecclesiae archiepiscopo et Sabinensis ecclesiae archiepiscopo et Sabinensis ecclesiae episcopo. Quoniam veritate vacillante mendaces faciunt, ut vera
dicentibus fides non adhibeatur, sollerti patrum discretione provisum est et canonum sanxit auctoritas, (ut hea ) (=haec) et his simlia scripta sub sigilli impressione
solidentur. Facta Bunt autem hec (=haec)
sub annuali capitulo eiusdem xenodochii Iherosolimitanis, sociata manu cunctorum heredum suorum. Huius rei testes
sunt: Arleboldus, prior Alemanniae, et omnis conventus tam clericorum quam laicorum. Testes etiam sunt nobiles
viris: Wezelinus, Dipoldus, Walterus, Bertramus, Wigandus, Helwicus, Wigandus, Wezelinues, Luodewicus, Cuonredus, Luodewicus, Giselbertus, Cuono, Dithericus, Dammo, Leuprandus, Dithwinus et ceteri viri ac mulieres,
quorum non est numerus. In villa eiusdem parrochie (=parrouhiae) continentur VI mansi et VI curie (curiae) et omnis decimatio eiusdem ville (=villae), In adiacenti villa, quae dicitur
Rune III curie (=curiae) et
magna pars decime (=decimae).
In Rambach omnis decima. In Wolfhardeshusen tres mansi et tres
curie (=curiae), quae reddunt VIII solidos, quorum VI ad luminaria, duo cedunt in usum fratrum. In Michelenowa mansus unus et curia una,
quae reddit III solidos. In Stedeveld minor decima. In Salzhusen minor decima et XXIIII agrorum maior decima. In Coden minor decima.
In Bonlant minor decima. In Wanoldeshusen minor decima et curia una, quae
reddit solidum unum et duos ornices.
In Hadebrachdeshusen curia una cum aliquibus agris, qui reddunt
II solidos. In Leizaha minor decima etcuria
cum manso, quae reddunt II solidos. In Nithorne mansus et curia, quae reddit
tres solides. Insuper et aliud praedium, qued reddit VI denarios. In Waenings unus mamsus et curia una reddunt
II solides. In Geldenhore maltrum
caseerum. In Volcmarshusen mansus unus et curia una reddunt
II solides et dimidium maltrum
caseorum, maltrum avene (=avenae) et II ornices, amphoram vini et IIII panes. In Einhardeshusen praedium, quod reddit solidum.
In Winderingeshusen dua (=duae) curie (=curiae)
et duo praedia reddunt III solidos, IIII ornices, VI panes, amphoram vini. In Asechenrode praedium reddit VI denarios. Haec sunt pertinentia
praedicte (=se) parrochie
(=ae) in Nithehe. Eidem matris ecclesie
(=ae) pertinent due (=ae) filiales
ecclesie (=ae) cum omnibus attinentibus eisdem eccleiis, scilicit Eigelesdorph, Richolveshusen.
In Eigelsdorf mansi tres et II curio (=ae) reddunt VIII solidos, IIII ornices, amphorum vini, amltrum avene (=ae)-. In eadem villa praedium reddit XXX denarios. In Vroneholz XL(40) denariose, In cathedra beati Petri apostoli omnis plebs eiusdem ecclesiae
V solidos, eiusdem ecclesiae terita pars maioris decime (=ae) et omnis minor
decima. In Udenhusen minor decima. In Richolvehusen praedium, quod reddit II solidos. In Udenhusen molendinum, quod reddit VI solidos, III panes, II ornices, emphoram vini. In Strithagen maltrum avene (=ae). In Rifrideshagen maltrum avene (=ae). In Eigelessahscen maltrum avene (ae). In alio Eitelessahscen dimidium maltrum avene (=ae). In Habechesbach maltrum avene (=ae), In Salzhusen maltrum avene (=ae). In coten maltrum
avene (=ae).
Wörtliche Obersetzung der Urkunde von 1187
von Dr. Hans Lentz, Bad
Salzhausen, Kurstr. 39
Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit.
Bekannt sei allen an Christus Glaubenden, sowohl den
zukünftigen als auch den gegenwärtigen, dass der Graf Bertold, ein Mann aus dem
Adel, mit jeder Tugend ausgezeichnet, aus Liebe zu Gott zum Freikauf von seinen
Sünden und für die Erlösung der Seelen seines Vaters und seiner Mutter und
seiner übrigen Vorfahren die Pfarrei Nithehe mit
allem Zubehör übergeben und überreicht hat dem heiligen Hospital des heiligen
Johannes des Täufers in Jerusalem im Jahre 1187 der Feischwerdung des Herrn, zu
der Zeit Kaiser Friedrichs, unter Zustimmung des Kaisers selbst und auch unter
Versitz des Legaten der römischen Kirche, nämlich Cuonrad,
des Erzbischofs derselben Kirche und des Bischofs der Kirche von Sabina.
Da ja, wenn die Wahrheit ins Wanken gerät, Lügner es fertig
bringen, dass denen, welche die Wahrheit sagen, kein Glauben geschenkt wird,
ist durch die kluge Entscheidung der Väter dafür sorge getroffen worden und hat
das Ansehen der Kanones (kirchlichen Gesetze)
unverbrüchlich festgesetzt, dass dieses und diesem ähnliches Geschriebenes
unter dem Eindrücken des Siegels bekräftigt wurde.
Es ist aber dieses gemacht worden bei dem jährlichen Kapitel
(Versammlung) desselben Hospitals in Jerusalem, wobei alle seine (=Bertolds)
Erben ihre Zustimmung gaben.
Zeugen für diese Sache sind: Arleboldus,
der Prior von Deutschland und der ganze Konvent sowohl der Geistlichen als auch
der Laien. Außerdem sind Zeugen die Edelleute: Wezelin,
Dipold, Walter, Bertram, Wigand, Helwig,
Wigand, Wezelin, Luodewig, Cuonrad, Luodewig, Giselbert,
Gerhard, Cuono, Diezhric,
Dammo, Leuprand, Dithwin
und viele andere Männer und Frauen.
In dem Dorf dieser Pfarrei sind enthalten 6 Hufen und 6 Höfe
und der ganze Zehnte dieses Dorfes,- in dem
anliegenden Dorf, das Runo heißt, 3 Höfe und ein
großer Teil des Zehnten,- in Rembach der ganze Zehnte,- in Wolfhardeshusen 3 Hufen
und 3 Höfe, die 8 Schilling (=Solidus) abgeben
müssen, von denen 6 für die Beleuchtung sind, 2 zum Nutzen für die Brüder,- in Michelenowa 1 Hufe und
1 Hof, der 3 Schilling abgibt,- in Stedeveld der kleinere Zehnte,-
in Salzhusen der kleinere Zehnte und der größere
Zehnte von 24 Acker,- in Coden
der kleinere Zehnte,- in Bonlant
der kleinere Zehnte, - in Wanoldeshusen der kleinere
Zehnte und ein Hofeder 1 Schilling (=Solidus) abgibt und zwei Masthühner,-
in Hadebrachdeshusen ein Hof mit ein paar Acker, die
2 Schilling abgeben, - in Leizaha der kleinere Zehnte
und ein Hof mit einer Hufe, die 2 Schilling abgeben,-
in Nithorne eine Hufe und ein Hof, der 2 Schilling
abgibt, - darüber hinaus auch ein zweites Hofgut, das 6 Denare
abgibt, - in Waeninges eine Hufe und ein Hof, sie
geben 33Schillinge ab, - in Geldenhore ein Malter
Käse, in Volcmarshusen eine Hufe und ein Hof, sie
geben 2 Schillinge ab und einen halben Malter Käse, einen Malter Hafer und 2
Masthühner, eine Amphore Wein und vier Brote, - in Einhardeshusen ein Hofgut, das 1 Schilling abgibt, - in Winderingeshusen 2 Höfe und 2 Hofgüter, sie geben 4
Schillinge ab, 4 Masthühner, 6 Brote, eine Amphore Wein,
- in Asechenrode ein Hofgut, es gibt 6 Denare ab. Das ist der Zubehör zur Pfarrei Nithehe, von der wir vorher gesprochen haben. Zu dieser
Mutterkirche gehören 2 Tochterkirchen mit allem, was zu diesen Kirchen gehört,
nämlich Eigelesdorph, Richolveshusen. In Eigelesdorph
geben 3 Hufe und 2 Höfe 8 Schillinge ab, 4 Masthühner, eine Amphore
Wein, ein Malter Hafer. In demselben Dorf gibt ein Hofgut 20 Denare ab, - in Vroneholz 40 Denare an Petri Stuhlfest (d. i. d. 22. Febr.), - das ganze
Volk dieser Kirche 5 Schillinge,- der dritte des
größeren Zehnten derselben Kirche und der ganze kleinere Zehnte sc. (das heißt) wird abgegeben, - in Vdenhusen
der kleinere Zehnte, - in Richolsveshusen ein Hofgut,
das 2 Schilling abgibt. In Vdenhusen eine Mühle, die
6 Schilling abgibt, 4 Brote, 2 Masthühner, eine Amphore
Wein. In Strithagen ein Malter Hafer. In Rifrideshagen ein Malter Hafer. In Eigelessahscen
ein Malter Hafer. In dem anderen Eigelssahscen einen
halben Malter Hafer. In Habechesbach ein Malter Hafer. In Salzhusen
ein Malter Hafer. In Goten ein Malter Hafer.
Anmerkungen: 1 Denar ( so viel wie
Pfennig) unter den Karolingern in Deutschland und Frankreich = 1/12 Solidus
Brockhaus: 1 Schilling nach der Karolingischen Währung = 12 Denare. Mithin ist 1 Schilling als 1 Solidus
zu werten.
Hufe ist landw. Nutzfläche (20- 40 Morgen) von einer Familie
bearbeitet und von einen Gespann bestellt.
Amphore ist Flüssigkeitsmaß -
griechisch = 39 Liter römisch 26 Liter.
Aus der Übersetzung und der folgenden Kartenskizze zur
Urkunde ist erstmals die Ausdehnung der Johanniterkommende und dadurch mit
Sicherheit auch die Größe und Ausdehnung der Grafschaft Nidda erkennbar. Es war
kein zusammenhängendes Gebiete sondern z.T. Streubesitz. Verbindliche Aussagen
können hierzu aber nicht gemacht werden, da urkundliche Nachweise vor 1187 und
danach nicht vorhanden sind.
Siehe hier Chronik. Johanniter.
Nach der Urkunde von 1187 zur Parochie
Nithehe gehörend
0= ausgegangene Orte nach Aufstellung in nächster Seite, Nr.
1- 13
0= bestehende Siedlungen
Nr. Namen = ungefähre Lage:
1 Bonlant = in der Gemarkung
Harbwald nördlich von Bad Salzhausen
2 Stedeveld = Stehfeld Flur
südlich Nidda
3 Wolfhardeshusen = zwischen Nidda
und Ranstadt, näher bei Ranstadt
4 Ranbach= nördlich Wallernhausen,
in Richtung Feuerbach
5 Hadebrachdeshusen= nördlich der
Krötenburg bei Nidda am östlichen Niddaufer
6 Richolveshusen = Rechelshausen
östlich von Unter Schmitten
7 Habechesbach = Haisbach etwa 3 km nordöstlich von
Michelnau
8 Rifrideshagen = Reifertshain in Gemarkung Eichelsachsen, etwa 2 km südlich
davon
9 Strithagen =Streithain nördlich
von Glashütten an der Straße nach Eisachsen, heute: einzelne Bauernhöfe
10 Nithorne = dass Niedern Flur im
Niddergrund nördlich von Steinberg, ehemalige Waldschmiede
und Erzgrube
11 Volcmarshusen = 1 1/2 km
südlich Schotten im Läunsbachtal
12 Vroneholz = zwischen Stornfels
und Ulfa, nördlich von Ulfa
13 Udenhusen = am Westabhang der
Flur "Weinberg" nördlich von Eichelsdorf.
Erläuterungen 1 bis 25 zur Übersetzung der Urkunde aus dem Jahre
1187
1) Zubehör, d. i. mit allen Einkünften
2) Hospital, d. i. Krankenhaus, Armenhaus, Herberge
3) Iherosolima, d. i. Jerusalem
4) Fridericus, d. i. Friedrich I.,
Friedrich Barbarossa
5) eine andere Übersetzungsmöglichkeit war: und auch unter
dem Vorsitz des Legaten der römischen Kirche bei der Mainzer Kirche.
6) damit ist gesagt, dass Gounradus
Kardinal war.
7) Kanones, das sind die
kirchlichen Gesetze
8) Kapitel, d. i. die Versammlung des Ordens
9) übersetzt xenodochium, d. h.
Fremdenhaus, Gasthaus, Herberge
10) sociata manu, d. i. zu
gesamter Hand (jurist. Ausdruck)
11) d. h. Bertholds
12) d. h. der Vorsteher des Johanniterordens für die
Ordensprovinz Deutschland
13) Konvent, d. i. Versammlung
14) wörtlich: und andere Männer und Frauen, von denen es
keine Zahl gibt.
15) d. h. nach der Schenkung zu entrichtende Abgaben
16) Hufe, d. h. landwirtschaftliche Nutzfläche, von einem
Gespann bestellt, etwa 30 Morgen 17) 1 Solidus = 12 Denare (Denar so viel wie Pfennig)
18) Acker, d. i. ein altes Feldmaß, das dem heutigen Morgen
entspricht. Es war örtlich verschieden groß; Ein Niddaer Lokalmorgen hatte 1932
qm.
19) wörtlich: Mastvögel = Mastgeflügel, könnten also auch
Enten oder Gänse gewesen sein. 20) Der Unterschied zwischen Hof (curia) und Hofgut (predium) ist
unklar.
21) in der Handschrift a. überschrieben: waeninges
22) das Malter, d. i. ein altes Gewichtsmaß, in Oberhessen
128 Liter Inhalt.
23) Amphore, d. i. Flüssigkeitsmaß,
nach Brockhaus: römische A.= 26 Liter
24) Petri Stuhlfeier, d. i. der 22. Februar. Diese
Zeitangabe kann auch zum Vorhergehenden gehören.
25) Von "In Vroneholz...."
bis hierher sind die grammatischen Bezüge unklar.
Von der abgebildeten Urkunde war leider vor der Übernähme
durch das Staatsarchiv das Siegel abgerissen, das an einem Pergamentstreifen
gehangen zu haben scheint. Daher ist auch nicht bekannt, ob überhaupt und wenn
ja, welches Wappen bzw. Siegel die Grafen von Nidda führten, wie es in seinen Tinkturen
(Farben) und im Bild aussah.
Mit Graf Berthold II. von Nidda erlosch der Stamm der Grafen
von Nidda. Sein Sterbejahr ist nicht bekannt. Da er aber 1191 zuletzt erwähnt
wurde, ist anzunehmen, dass er um die Jahrhundertwende starb. Im Jahre 1205
wird Graf Ludwig I. von Ziegenhain als Nachfolger urkundlich erwähnt.
Aus Wagner, Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen, Seite
247/ 248
"Im Jahre 1187 übergibt Graf Berthold von Nidda den
Johannitern die Pfarrei Nitehe (Nidda) mit ihren
Tochterkirchen zu Eigelesdorph und Richolueshusen mit ihrem Zubehör: nämlich 3
Höfe und einen großen Teil des Zehnten in Runo (Raun- Nidda), allen Zehnten in Rambach,
8 Solidos in Wolfhardeshusen, 3 Solidos in Michelnowa ( Michelnau), den kleinen Zehnten in Steteueld, den kleinen und von 24 Ackern den großen Zehnten
und 1 Malter Hafers in Salzhusen, den kleinen Zehnten
und 1 Malter Hafers in Coden (Kohden), den kleinen
Zehnten in Bonland, den kleinen Zehnten, 1 Solidus
und 2 Hühner in Wanoldeshusen (Wallernhausen) 2
Solidos in Hadebrachdeshusen, den kleinen Zehnten und
Solidos in Leizaha (Leis),
3 Solidos und 6 Pfennige in Nithorne, 2 Solidos in Waeninges (Wenings), 1 Malter Käse in Geldenhore
(Gelnhaar), 2 Solidos, 1/2 Malter Käse, 1 Malter Hafers, 2 Hühner, 1 Maaß (Amphora) Weins in Volcmarshusen,
1 Solidos in Einhardeshusen (Einartshausen), 4
Solidos, 4 Hühner, 6 Brode und 1 Maaß
Weins in Winderingeshusen (Wingershausen), 6 Pfennige
in Asechenrode (Eschenrod), 8 Solidos, 4 Hühner, 1 Maaß Weins, 1 Malter Hafers und 20 Pfennige in Eigelesdorph
(Eichelsdorf) , 40 Pfennige, 1/3 des großen und den kleinen Zehnten ganz in Vroneholz, den kleinen Zehnten und von der Mühle 6 Solidos,
4 Brode, 2 Hühner und 1 Maaß
Weins in Vaenhusen, 2 Solidos in Richolueshusen, 1
Malter Hafers in Stridhagen (Streithain), 1 Malter
Hafers in Rifrideshagen, 1 1/2 Malter Hafers in Eigelessachsen (Eichelsachsen), 1 Malter Hafers in Häbechesbach."
Rambach = bei Wallernhausen
Richolueshusen 3 zwischen Eichelsdorf und Michelnau
Runo = Raun = bei Nidda
Wolfhardeshusen = bei Ranstadt
Steteueld 3 zwischen Nidda und
Ranstadt
Bonland = in der Nähe der Harb
Rifrideshagen = bei Eichelsachsen
Hadebrachdeshusen = gegenüber
Unter- Schmitten
Nithorne = Niddern, oberhalb
Steinberg
Volcmarshusen = zwischen
Wingershausen und Schotten
Vronholz = zwischen Eichelsdorf
und Ulfa
Vaenhusen = bei Eichelsdorf
Habechesbach = zwischen Eichelsdorf und Ober- Lais
Abschrift aus den " Mitteilungen des Oberhessischen
Geschichtsvereins"
Neue Folge - 37. Band - Gießen 1940 - Seite 80 -
Streidhainer Weide.
Donnerstag, den 8. May. Vff der Streidthainer weide seind die drey alte wiesenn den Konigsteinischen vnderthanen zu Geddern von den hessischen vnnd Konigsteinischen außgegangen, ausgesteint vnnd widerumb zugesteldt, darauf sie Jarlichs laut vfgerichts vertrags einmahls des haw abnehmen vnnd darnach zu
gemeinen weid pleiben lassen sollen.
An Urkunden nenne ich:
1187: Graf Berthold von Nidda übergibt den Johannitern die
Pfarrei Nithehe mit ihren Tochterkirchen zu
Eigelesdorph und Richolueshusen und ihrem Zugehör nämlich
....
3 Solidos und 6 Pfennige in Nithorne,
2 Solidos, 1/2 Malter Käse, 1 Malter Hafers, 2 Hühner, 1 Maß Weins und 4 Brote
in Volcmarshusen, 1/3 des großen und den ganzen
kleinen Zehnten in Vroneholz, den kleinen Zehnten und
von der Mühle 6 Solidos, 4 Brote, 2 Hühner und 1 Maß Weins in Vdenhusen, 2 Solidos in Richolueshusen, 1 Malter Hafers in
Streithagen, 1 Malter Hafers in Rifrideshagen, 1
Malter Hafers in Habechesbach (SR Nr. 300). usw.
Auszug aus den "Büdinger Geschichtsblätter -
Herausgegeben vom Büdinger Geschichtsverein - Band I, 1957 - Seite 80- 81.
Etwa gegen Ende des 12. Jahrhunderts begegnet ein zweiter
Bertold, sicherlich der Sohn Bertholds I. Dieser Bertold II. war als Zeuge
zugegen, als Hartmann von Büdingen das Prämonstratenserkloster
Konradsdorf an Erzbischof Konrad von Mainz übertrug. (F. Böhmer u. J. Ficker, Regesta Imperii V.,1881/2, Nr. 109) Daraus
könnte man auf nähere Beziehungen zwischen den Grafen von Nidda und den Herren
von Büdingen schließen. Von besonderer Bedeutung aber ist dieser Bertold II. durch
eine für die Grafschaft äußerst wichtige Urkunde aus dem Jahre 1187. (W.
Dersch, Hees. Klosterbuch, 1915, S. 95, mit Quellen-
und Literaturangaben) G. W. J. Wagner, Die vormaligen geistlichen Stifte i. Großh. Hessen, 1873, S. 302 ff.) Diese ist nicht im Namen
des Grafen Bertold selbst ausgestellt, bestätigt aber, Bertold habe den
Johannitern die Pfarrei Nitehe und deren
Tochterkirchen zu Eigelsdorph (Eichelsdorf) und Richouleshausen (Rachelshausen) östlich Unter- Schmitten und Liegenschaften
in 26 Ortschaften übergeben. Die Urkunde von 1187, die nicht die
Gründungsurkunde der Johanniterkomturei oder
Johanniterkommende in Nidda ist, sagt nichts aus über deren Entstehungszeit, die
im Dunkel liegt. Erst eine Urkunde vom 12. Juli 1234 ist als sicherer Beleg für
- das Vorhandensein der hiesigen Johanniterkomturei
zu werten. (J. Ph. Kuchenbecker,
Analecta Hassiaca, 1728
ff., XI., 133/134.) usw.
Abschrift aus "Beiträge zur Geschichte der Stadt Nidda
- von Konrad Roth, Lehrer zu Nidda - 1898 - Seite 98.
Die Johanniter- Comthurei oder Commende zu Nidda.
Gerade in dem Jahr, in welchem der Sultan Saladin von
Ägypten Jerusalem eroberte und der Johanniter- Orden von da Sitz und Hospital
nach Margat verlegen musste, nämlich im Jahre 1187,
übergab Graf Berthold von Nidda demselben Orden die Parochie
Nidda sammt Zubehör, namentlich mit benannten Gütern
zu Runo (Vorstadt von Nidda, Rauna,)
Rambach (ausgegangener Ort nahe bei Wallernhausen, am
Weg nach Fauerbach), Wolfhardshusen (ausgegangener
Ort zwischen Ranstadt und Hof Finkenloch, nahe dem letzteren), Michelenowa (Michelnau), Stedeueld
(Stehfelden, ausg. Ort bei
Nidda), Salzhusen, Coden,
Boland (ausg. Ort bei Borsdorf), Warnoldeshusen
(Wallernhausen), Hardebrachdeshusen (ausgegangener
Ort), Leizaha (Lais), Nithorne
(ausg. Ort bei Steinberg im sogen. Nidern), Wamiges, Geldenhore, Volcmarshusen (ausg. Ort), Eihartshusen
(Einartshausen), Winderingeshusen (Wingertshausen), Asechenrode (Eschenrod), Eige1esdorph (Eichelsdorf), Richoleshusen (Rachelshausen,
ausgegangener Ort in der Gemarkung Unter- Schmitten), Vroneho1z (ausg. Ort bei Eichelsdorf), Vdenhusen,
Strithagen (Streithain), Eigelessachson
(Eichelsachsen), Rifrideshagen (ausg.
Ort), Habechesbach (Haisbach, ausg. Ort beim Häuscheswald, Haisbacher Wiesen,
in den Waldungen hinter Michelnau nach Eichelsdorf hin).
a) Diese schon angeführte Urkunde war nicht im Namen des
Grafen ausgestellt, sondern sie beurkundete nur die von demselben geschehene
Tradition. Sie wurde in dem jährlichen Ordenskapitel des Johanniterordens unter
dem Vorsitz Orlebolds des Ordenspriors in Allemannien verhandelt. Diesem Orden mag auch das an der
Urkunde abgerissene Siegel gehört haben. Als Zeugen kommen außer den
Ordenspersonen eine Anzahl edler Männer vor und wird außerdem noch gegenwärtig
gewesener Männer und Weiber ohne Zahl erwähnt, woraus hervorgeht, dass die
Handlung ganz öffentlich vorging. Ob diese Erwerbung die erste des Johanniter- Ordens
in und um Nidda war, liegt im Dunkeln.
Abschrift aus : "Lose Blätter aus der Heimatgeschichte,
Seite 3 Nr. 8.)
Eichelsdorf hieß im Jahre: 1187 " Eigelesdorph; dieses
bedeutet " Zu Eigils Dorf".
Mehrere Wüstungen: sind hier zu nennen u. z. Fracholz, Wonshausen,
Eidenhausen.
Jungsteinzeitliche Gerätschaften sind in der Gemarkung
aufgefunden.
Bronzezeitgräber wurden in der Beckers- Ecke und im Bezirk
Mühlkopf gefunden; beide Gräber enthielten Dolche, Drahtspiralen, Armringe,
Nadeln, Bernstein- Perlen, Halsringe und ähnliche Dinge.
Späthalstättische Grabhügel liegen
auf dem "Altenberg" nordöstlich des Fünf- Eichenwegs; sie enthielten:
Steinkisten, z. T. ohne Funde außer einem Halsring; ein anderer solcher
Bronzering fand sich im Bezirk "Mühlkopf in den Bronzegräbern, die aber
schon zur Gemarkung Rainrod gehören.
Die Kirche stammt in einzelnen Teilen noch aus dem 13. Jahrh.;
der abgesetzte Chor war ursprünglich gewölbt; am Portal befindet sich ein
Rundbogen in einem Spitzbogen.
Die Basaltfelsen im Buchwalde bei dem Orte stehen unter
Denkmalsschutz.
Der "dicke Stein" befindet sich in Flur 15.
Die so genannte Dicke Eiche steht in dem Bezirk
"Tiefstruth" nach dem Bilstein zu, sie ist
800 Jahre etwa alt.
Die Mühlen- Namen lauten hier: Stockmühle, Junkermühle,
Schwedenteichsmühle.
Flurnamen: Vor dem Hirschsprung, Zu Rainfurtshain,
In der Weinfurtswiese, Am Hundsrück,
Am Weinberg, Im Drachenloch, Auf dem Storch, Am Eiserhensberg,
In der Blechwiese, Vor dem Irrhaus, Auf dem Reuteracker, Im Schwadenteich.
Abschriften aus dem: "Heimatbüchlein" für das
Evangelische Dekanat Schotten - 1951.
Das Vogelsberger Heimatmuseum zu Schotten.
In einem schönen, mit einem hübschen Fachwerkerker
geschmückten Hause in Schottens Hauptstraße ist das Vogelsberger Heimatmuseum
untergebracht. Seit 1937 besteht es, nachdem man vorher viele Jahre vergeblich
die Schaffung eines Museums geplant und erwogen hatte. Das Heim des Museums,
das heute infolge des Wohnungsmangels noch mehrere Mietparteien beherbergen
muss, war früher das Wohnhaus des um Schotten Hochverdienten Landforstmeisters
Dr. Karl Weber. Er bestimmte, nachdem der erste Weltkrieg ihm beide Söhne
genommen hatte, sein Wohnhaus als Heimstätte des längst ersehnten
Heimatmuseums. Das am 15. Oktober 1937 eröffnete Vogelsberger Heimatmuseum
besaß zunächst nur zwei Räume, in denen die ersten Bestände bequem
untergebracht werden konnten. Bald aber gelang es dem Leiter des Museums, in
nimmermüder Arbeit den Umfang der Sammlungen, ganz wesentlich zu erweitern. Ein
Umbau schuf neue Räume und den für Führungen so notwendigen Rundgang. So wurde
den bis zum Kriegsausbruch 1939 der gesamte mittlere Stock des Hauses für
Museumszwecke eingerichtet. Das Museum verfügt heute über sechs Sammlungsräume
und ein Arbeitszimmer. Die geplante und notwendige Hinzunahme
weiterer Räume war bis heute leider unmöglich. Unsere Sammlungsräume sind ja
nicht ursprünglich für diesen Zweck gebaut und daher klein und eng. Sie sind
auch übermäßig dicht mit Museumsstücken bestellt, so dass für Führungen nur
enge Gänge. bleiben. Die Sammlungen enthalten u.a. eine vorgeschichtliche
Abteilung mit Gegenständen: aus der Jungsteinzeit, Bronzezeit und Hallstattzeit
z. T. aus eigenen Grabungen (Ober- Lais und Alteberg bei Eichelsdorf).
Besonders wichtig und eigenartig die Sammlung schnurkeramischer Beilchen. Ein
anderer Raum birgt eine Bauernstube, so, wie sie vor rund 200 Jahren ausgesehen
haben mag, ein dritter schöne Schränke und Tische, ein weiterer die Geräte der
Flachsbearbeitung und der Weberei, sowie schöne Druckmodel der in Schotten
alteingesessenen Blaufärberei, Zunftsiegel, Hausrat aller Art, viel Zinn und
Töpferware, alte Handarbeiten und Trachtenteile. Ein besonders wertvolles Stück
ist eine rund 800 Jahre alte Truhe aus schweren Eichenbohlen mit kunstvoller
Eisenverzierung. Es ist erfreulich, dass sich immer wieder Leute finden, die
dem Museum Gegenstände überlassen, die uns als Zeugen einer für das Werden
unserer Heimat und ihrer Menschen überaus wichtigen Vergangenheit wertvollster
Besitz sind, im Besitze des Einzelnen jedoch meist unbeachtet in Schränken und
auf Speichern verkommen oder ganz zugrunde gehen. Der Museumsleiter ist für
derartige Zuwendungen immer dankbar und bereit, anfragen zu beantworten und
Auskünfte zu erteilen.
Fritz Sauer.
Auszug aus "600 Jahre Stadt Schotten" -1354- 1954-
herausgegeben von der Stadt. Schotten.
Von der frühesten Besiedlung der Landschaft um Schotten.
Wenn im Jahre 1954 die Stadt Schotten das ehrwürdige Alter
von 600 Jahren erreicht, gedenken wir mit Freude und Stolz ihrer Entfaltung und
Leistung und nicht zuletzt ihrer Schönheit. Wir wissen auch, dass eine lange.
Entwicklungszeit der Stadtgründung voranging, und dass der Beginn der Siedlung,
sicher doppelt so lange zurückliegt. Aber auch die iroschottischen Mönche waren
nicht die ersten Siedler in der Schottener Gegend. Etwa siebenmal solange als
die. Geschichte der Stadt Schotten reicht die Geschichte der Besiedlung der
Landschaft zurück. Da es aus den frühen Zeiten keine schriftliche Überlieferung
gibt, müssen wir unser Wissen aus den Kulturhinterlassenschaften der Menschen
jener Zeit schöpfen, die uns der Boden erhalten hat. Sie vermitteln dem Kenner
und Heimatfreund mancherlei Erkenntnisse, die hier dargelegt werden sollen.
Zwei Arten von Sachurkunden sind auszuwerten: Einmal die noch in der Landschaft
erkennbaren Spuren oder Anlagen wie alte Straßen, Befestigungen und
Grabdenkmäler, zum anderen Gerätschaften und Schmuck der vorgeschichtlichen
Menschen die der Boden zufällig oder bei wissenschaftlichen Ausgrabungen
freigegeben hat. Leider fehlen bisher in unserem. Gebiet noch jegliche
Hausgrundrisse und Abfallgruben; nicht einmal die genaue Lagevorgeschichtlicher
Siedlungen ist mit Sicherheit zu erschließen. Auch über die körperliche
Beschaffenheit der frühen Bewohner kann nichts berichtet werden, da infolge der
Kalkarmut des Bodens die Knochen in der Regel ganz vergangen sind. Die
Bodenfunde werden in den Museen in Schotten und Darmstadt aufbewahrt. Ein Teil
ging leider durch Kriegseinwirkung im Brand der Museen Darmstadt und Gießen
verloren.
Denkmäler im Gelände.
Die herbe Vogelsberglandschaft war nicht schlechthin
Siedlungsland der Vorzeitmenschen. Aber sie war durch die sternförmige
Zertalung des Gebirges nach allen Seiten hin aufgeschlossen und wurde
dementsprechend von verschiedenen Seiten her besiedelt. Unsere Westseite ist
mit ihren gegen SW geöffneten Tälern klimatisch begünstigt: sie bildet
siedlungsgeschichtlich ein Hinterland der gesegneten, stets Dichtbesiedelten
Wetterau als Durchgangsland zwischen den uralten Kulturzentren im Mainmündungsgebiet
und in Mitteldeutschland wurde der Vogelsberg frühzeitig durch zahlreiche SW
nach NO ziehende: Straßen überquert und erschlossen)"
Die alten Straßen.
Der Büdinger Kammerdirektor a. D. K. Chr. Th. Müller hat in
jahrelanger sorgfältiger Kleinarbeit an Urkunden und Karten aller Art und durch
Geländebegehungen die arten Straßenzüge im Vogelsberg genauestens erforscht
(3.) Die von ihm zusammengetragenen Belege entstammen naturgemäß historischen
Zeiten doch berichtet er auch regelmäßig über vorgeschichtliche Spuren an dem
jeweils besprochenen Straßenzug und gibt damit den Hinweis auf das hohe Alter
der Straßen. Denn schon zur Bronzezeit, 2. Jahrtausend vor Christus, führte der
Fernverkehr mit dem Saumtier oder dem Ochsenkarren ebenso wie der Viehtrieb der
einheimischen Weidebauern über unsere Höhenstraßen. Die eine oder andere wird
auch schon in der vorausgegangenen jüngeren Steinzeit als Handels- oder
Völkerweg gedient haben, doch fehlt es noch an ausreichenden Belegen für jene
Zeit. Die alten Straßen sind im Gegensatz zu den modernen, allen
Geländeschwierigkeiten trotzenden Kunststraßen einfach Naturwege die sich nur
infolge jahrhundertelanger Benutzung in der
Landschaft markieren. Sie folgen intuitiv der Gunst des Geländes ohne je die
Hauptrichtung des Fernzieles außer Acht zu lassen, meiden nach Möglichkeit
feuchte Niederungen, Quertäler und Steilanstiege und halten sich vorzugsweise
an: Wasserscheiden. Auch die Geologie des Untergrundes beeinflusst die
Wegführung; In unserer Landschaft bietet der reichlich mit, Steinen durchsetzte
Basaltverwitterungsboden den besten Fahrweg; der steinfreie Löß gibt bei
feuchter Witterung den Wagenrädern nur schlechten Halt und wird allzu leicht zu
tiefen Hohlwegen ausgewaschen; gleichfalls ungünstig ist, die wiederum zum Teil
aus umgelagertem Löß bestehende alluviale Aufschüttung in den zumeist auch
feuchten Talauen.
Bronzezeitliche Straße am Wildhauskopf.
Schotten oder besser, das Niddatal wird beiderseits von
alten Straßenflankiert: Die linke Niddastraße führt, aus der Wetterau kommend,
von Staden bis Eichelsdorf als Talrandstraße an der
hochwasserfreien Talterrasse entlang und beginnt bei
der Eichelsdorfer Kirche den Aufstieg, der am Auerberg, Wildhauskopf und
Gackerstein zum Oberwald führt. Ein Nebenarm der linken Niddastraße folgt der Talterrasse weiter bis Rainrod, überquert hier das Tal zum
Hang der Spieß und führt weiter an der Warte oberhalb Schotten vorbei durch
Götzen fast geradlinig zur "Eisernen Hand" in der Nähe des Goldborns,
dem einstigen Wegweiser am Treffpunkt dieser "Alten Schotter Straße"
mit der Rechten Niddastraße. Die Wegführung der Linken Niddastraße erscheint
zwar nicht so typisch vorgeschichtlich wie die ausgesprochenen Höhenstraßen,
muss aber dennoch auf Grund einiger Funde schon in der Bronzezeit benutzt
worden sein. Der Wildhauskopf bei Eschenrod unmittelbar neben dem Straßenzug
trägt: eine 90:120 m große, ovale Befestigung mit einer durch ein sei
vorgezogenes Wallende gebildeten Torgasse. Es handelt sich hier nicht um eine
Wallburg im üblichen Sinne, sondern vielmehr um ein durch einen Wechsel der
Gesteinsart her rausmodelliertes Plateau, das durch eine künstlich versteilte
und mit Steinblöcken bewehrte 4-8 m hohe Böschung geschützt ist, die wohl
ehemals noch durch eine Palisade überhöht wurde. Diese Art der Befestigung
erinnert an jungsteinzeitliche Höhensiedlungen, doch darf sie uns ebenso wenig
wie der Fund einer kleinen Schieferklinge steinzeitlicher Technik oder wie die
Tatsache der Sichtverbindung mit, dem seit der Jungsteinzeit besiedelten und
befestigten Glauberg zu einem voreiligen Schluss über das Alter der Anlage
verleiten. Sicheren Aufschluss kann hier allein eine wissenschaftliche
Ausgrabung bringen. Die gelegentliche Bezeichnung des Wildhauskopfes als
"Raubhaus" lässt auf Wegelagerer schließen; sie dürften Nutznießer
aber keinesfalls die Erbauer der Anlage gewesen sein.
Der Alteburgskopf.
Knapp 2 Km entfernt liegt ohne eine bemerkenswerte
Sichtverbindung und ohne ersichtliche Beziehung zu einer alten Straße die
Befestigung des Alteburgkopfes bei Schotten. Hier hat der nordöstliche
Ausläufer des Massivs nach drei Seiten den besten natürlichen Schutz durch etwa
10 m steil abfallenden diluvialen Hangschutt; überdies ist der Rand des 70:150
m großem unregelmäßig. ovalen und fast völlig ebenen Plateaus durch einen Wall
befestigt, (Bild S. 8), der an der Südseite, an dem schmalen Übergang zum
Massiv, in einen geradlinigen Abschnittswall übergeht. Hier muss, etwa mit dem
heutigen Weg übereinstimmend, der alte Eingang gelegen haben. An der höchsten
Stelle, wo der Wall noch von innen 1,50 m und von außen über 2 m Höhe aufweist
sollte im Herbst 1953 ein Schnitt Aufklärung über die Art und, wenn möglich,
auch über das Alter der Anlage bringen. Es zeigte sich, dass der Wall unter
geschickter Ausnutzung einer anstehenden Klippe auf einfachste Art aus Blöcken.
aufgeschichtet und mit Lockermaterial ausgefüllt worden ist. Leider wurden
keinerlei Funde gemacht, die eine Datierung ermöglicht hätten.
Zwiefalter Straße.
Von der linken Niddastraße zweigt oberhalb von Nidda die
Zwiefalter Straße ab und gewinnt am Roteberg die Höhe der Wasserscheide
zwischen Nidda. und Nidder, welcher sie bis zum Oberwald folgt. Dort biegt sie
zwischen Hoherodskopf und Taufstein nach N. um, vereinigt sich wieder mit der
Linken Niddastraße und mündet beim Geiselstein in die Ulrichsteiner Straße ein.
Die Zwiefalter Straße mit ihrer schon im 13. Jahrhundert erwähnten Herberge bei
700 m Höhe, der späteren Knallhütte, muss im Mittelalter eine wichtige Rolle
gespielt haben; da sie weithin über Lößhöhen führte, erhielt sie zu Beginn der
Neuzeit auf mehreren Teilstrecken Steinstückung. Für vorgeschichtliche Zeiten
ist sie nicht nachzuweisen.
Die Rechte Niddastraße
Die Rechte Niddastraße bildet die geradlinige Verbindung Friedberg
Lauterbach. Nördlich Echzell verlässt sie die Wetterau über Ober- Widdersheim
nach Ulfa; von dort steigt sie, wohl auf verschiedenen Wegen, an, die sich am
Schotter Berg, wo noch die schönen Solmser
Grenzsteine stehen, wieder vereinigen. Weiter zieht sie von Kiliansherberge
am Luch bei Betzenrod hin, nimmt am Goldborn die Alte: Schotter Straße auf und
führt über Feldkrücken auf die Höhe südöstlich Ulrichstein (600 m hoch), wo die
Ulrichsteiner Straße den Verkehr der Linken Niddastraße heranbringt, um dann in
nordöstlicher Richtung nach Lauterbach abzusteigen. Diese typische
Fernverkehrsstraße meidet die höchste Höhe des Vogelsberges bei bester
Geländeauswertung und Nutzung des festen Basaltuntergrundes auf der
Wasserscheide zwischen Nidda- und Horloff. Sie darf auf Grund ihrer
Linienführung und der sie begleitenden Grabhügel und Funde als
vorgeschichtlicher Straßenzug gelten. Alle drei erwähnten alten Straßen führen
noch heute stellenweise als Feld- oder Waldwege. die Bezeichnung.
"Frankfurter Straße".
Der Schotter Weg.
Ein Teilstück der Rechten Niddastraße verdient besondere
Beachtung: der bei Ulfa beginnende Anstieg ins Gebirge. Nach Müller biegt die
Straße im Ort Ulfs von ihrer nordöstlichen Hauptrichtung nach N. ab, führt am
Katzenberg hinauf (500 m mit 10 % Steigung!), um sich weiter nördlich beim Johannesköppel nach Osten zu wenden und, auf der
Wasserscheide das Stornfelser Tälchen umgehend über den Schellnhof zum Schotter
Berg zu gelangen. Diese Umgehung, die den Eindruck erweckt, als gälte sie
Stornfels und Ulfa (wenn man vom Harbkopf über den Kirchberg zum Katzenberg
abkürzte), mag mittelalterlich sein; vorgeschichtlich ist sie sicher nicht. Da
bietet sich oberhalb Ulfa genau in der Hauptrichtung der Straße der schmale
Höhenrücken des Langen Loh geradezu an. Er führt die Bezeichnung "Schotter
Weg", die auf eine alte Wegführung hindeutet. Am Beginn des Anstiegs
liegt, wohl nicht zufällig, rechter Hand "An der Altenburg" der Platz
des Herrensitzes "Derer von Ulfa". 1 km weit führt der Weg mit 4 %
Steigung tief ausgefahren den Lößhang hinan. Dann kommt fester Basaltboden, den
die Straße von nun an bis mir die Höhe des Gebirges nicht mehr verlässt. Hinter
den Steinbrüchen im Walde beginnen Grabhügel, (Zeichnung über
"Vorgeschichtliche Grabhügel" an Anstieg der Rechten Niddastraße
nördlich von Eichelsdorf siehe im Original - Seite 10.) die in Gruppen oder
vereinzelt die Straße 3 km weit begleiten: Im Langen Loh im ganzen 15, an der
Beckersecke, wo die Höhe erreicht wird, in zwei Gruppen zusammen 8 und noch
einmal 2 an einem Höhepunkt der Wegführung im Reippertssattel;
einige Grabhügel im Kohlhag sind nicht mehr erhalten. In der beigegebenen Karte
(S.10) ist die mögliche Straße durch das Lange Loh mit --- bezeichnet, eine
andere Möglichkeit durch den Alteberg mit .... Diese
zweite mögliche vorgeschichtliche Straßenführung, die ebenfalls durch Grabhügel
belegt wäre, wirkt jedoch durch weniger sichere Linienführung und beträchtliche
Geländeschwierigkeiten. nicht so überzeugend wie die erste. In diesem zweiten
Fall steigt die Straße von der Harb her nicht nach Ulfa herab, sondern
überquert das Ulfabachtal unterhalb bei der
Haubenmühle, wo man zur feuchten Jahreszeit in dem engen Tal leicht einmal
stecken bleiben konnte. Der Anstieg im Löß hat auf 1,5 Km Länge 6 % Steigung;
linker Hand im Loh liegen 3 Grabhügel. Über die Platte geht der Anstieg in
Richtung NO weiter im Löß. zum Streckberg, von da. an abwechselnd in Löß und
Basalt. Auf dem Streckberg befindet sich der trigonometrische Punkt 257,0 genau
auf einem Grabhügel. Nach dem Bericht von Augenzeugen wurde beim Einsetzen der
Markierung ein Steinbeil gefunden, das leider verschollen ist. Am vorderen
Alteberg verlaufen lange, parallele Steinwälle über den Rücken und im Bogen am
Hang entlang, und wieder aufwärts. Sie veranlassten 1922 Helmke zu einer
Bemerkung von der "Höhe des Altebergs", eines mächtigen, anscheinend
mit Wällen gesicherten Bergrückens". Heute sind diese Wälle gut als Reste
mittelalterlicher Langackerfluren zu erkennen. Für die Zeit der landwirtschaftlichen
Nutzung im Mittelalter dürfte hier also wohl kein Straßenzug anzunehmen sein,
vielleicht aber für die vorgeschichtliche Zeit. Weiterhin auf dem breiter
gewordenen Rücken des Altebergs liegen links des Weges 7 Grabhügel, von denen
kaum einer mehr unberührt zu sein scheint; ein achter wurde nach der Ausgrabung
planiert. Im Rainröder Anteil des Altebergs findet sich ein nicht sehr schöner
Hügel. Dann biegt die Straße nach Norden um und folgt kurz dem Weg zum Jagdhaus
Wolfslauf, an dem im Distrikt Mühlkopf links des Weges die Reste von 2
ausgegrabenen Grabhügeln eben noch kenntlich sind. Die Straße hält sich halb
rechts, um den Reipperts an seinem Osthang zu umgehen. Unterhalb liegt am Schlegelsberg ein schön erhaltener Grabhügel. Die folgenden
1500 m entsprechen keineswegs dem Ideal einer alten Straße, denn der Reippertshang ist steil und voller Hangschutt, und es will
zweifelhaft scheinen, ob er in alter Zeit überhaupt mit dem Fuhrwerk überquert
werden konnte. Am Schotter Berg vereinigen sich die genannten drei
Aufstiegsmöglichkeiten. Für die Zeit des Mittelalters wäre sogar noch als
vierte Möglichkeit ein Weg über Stornfels denkbar.
Vorzeitliche Grabhügel.
Nicht immer geben Grabhügel einen Hinweis auf alte Straßen;
auf den Höhen südlich von Eichelsdorf z.B. liegen viele locker verstreut oder
zu kleinen Gruppen vereinigt und können keinem Straßensystem zugeordnet werden.
Wo aber die allgemeinen Voraussetzungen für einen Straßenzug gegeben sind,
weisen uns die Grabhügel den Weg, wie sie es schon vor Jahrtausenden dem
fahrenden Händler oder dem Landsuchenden Heerhaufen taten. Denn es ist Sitte
vieler alter Kulturen, ihre Gräber an Straßen aufzureihen, wo das Leben
pulsiert, das ohne den Totenkult. als dem Urgrund menschlichen Geistesleben nicht
denkbar ist. Der fürsorglich für alle Ewigkeit errichtete Grabbau, auf den oft
wohl mehr Sorgfalt verwendet wurde als für die Häuser der Lebenden, vermittelt
uns einen Eindruck von der Vorstellungswelt. des Vorzeitmenschen und
überliefert uns dessen Besitztum an Gerät und Schmuck. Allein dem Totenkult und
Grabbrauch verdanken wir die meisten kulturgeschichtlichen Erkenntnisse. Unsere
alten Straßen werden auch anderwärts von Grabhügeln begleitet: In dichter
besiedelten Ackerbaulandschaften berühren sie große Gräberfelder, z. B. die
Linke Niddastraße bei Nieder- Mockstadt und die Rechte Niddastraße in der Harb
bei Borsdorf; auch der Berstadter Markwald mit dem
Gräberfeld beim Häuser Hof liegt nicht weit abseits. In der kargeren, durch
Viehzucht genutzten, weniger Dichtbesiedelten Gebirgslandschaft finden sich die
Grabhügel an den alten Straßen locker aufgereiht wie; oberhalb U1fa und an
derselben Straße im östlichen Vogelsberg bei Frischborn. Mehrere gute Beispiele
hierfür bieten auch die Rechte Nidderstraße und die Bettenstraße. (Abbildung I
Beigaben aus Frauengräbern der mittleren Bronzezeit. 1-6 von einer Bestattung
im Distrikt Mühlkopf bei Eichelsdorf, 7- 12 vom Mühlkopf, 13- 16 von der
Beckersecke bei Ulfa. 2 aus Bernstein, 10 Ton alles übrige
aus Bronze. 1/3 natürlicher Größe sie Seite 13 im Heft Seite 5)
Menhire.
Ebenfalls in den Bereich des Kultes gehören künstlich
aufgerichtete Felsblöcke, sog. Menhire, die in der Nähe unserer Straßen
gestanden haben aber schon vor 1890 beseitigt worden sind. Zwischen Nidda und
Michelnau stand der "Hinkelstein etwa 1 Km südlich der Linken Niddastraße.
Ein anderer "Hinkelstein", zwischen Ulfa und Stornfels war höchstens
2 Km von. der Rechten Niddastraße entfernt. Unweit derselben Straße steht der
einzige, heute noch erhaltene Menhir Oberhessens, der "Kindstein" bei
Unter- Widdersheim. Denkbar aber nicht erwiesen ist es, dass auch die
Eichelsdörfer Flurbezeichnung "Der Dicke Stein" auf einen ehemaligen
Menhir zurückgeht. Die Bitte, Menhire aufzurichten, entstammt dem, Neolithikum Westeuropas: von dort ist sie nach Mittel- und
Nordeuropa gewandert.
Verschwundene Spuren.
In den letzten Jahren sind die vorgeschichtlichen Grabhügel
des Vogelsberges planmäßig, kartiert worden. Einige Lücken bleiben naturgemäß
da, wo undurchdringlich Schonung oder Dickung zur Zeit
eine Aufnähme unmöglich macht. Dennoch erscheint das Ergebnis lohnend. Als
Beispiel, mag die Karte (S. 10) dienen; 31 Hügel sind neu aufgefunden, 16 waren
1890 (Kofler) schon bekannt, und 3 inzwischen verschwundene konnten nicht mehr
festgelegt werden. Eine Ausnahme bildet die Gemarkung Schotten, in der
sämtliche 1890 erwähnten Grabhügel im Heillug,
Saukopf und Hansrod heute nicht mehr aufzufinden sind. Auch 2 Hügel in der
Großen Aschstruth bei Michelbach existieren nicht mehr. Die Gruppe am Balsacker
bei Eschenrod reicht mit fast 500 m Höhe am weitesten ins Gebirge hinauf. Der
Oberwald bleibt wie auch schon auf Koflers Karte von 1890 frei von Grabhügeln;
zwischen Schotten und Engelrod- Herbstein war in der Vorzeit nur Durchgangs-
aber kein Siedlungsland. Eine alte Nachricht über Bronzefunde aus einem
Grabhügel in der Nähe des Hoherodskopfes erscheint, da die Funde verloren
gegangen sind, nicht stichhaltig, zumal Kofler, der sie 1886 mitteilt, sie
selber 1890 nicht auswertet. Dass die Grabhügel an der östlichen Abdachung des
Vogelsberges weithin in größere Höhen (bis über 500 m) hinaufreichen, mag mit
den klimatischen Verhältnissen im Regenschatten des Gebirges zusammenhängen. So
mancher Grabhügel trägt Narben einer früheren Ausgrabung, doch nur über wenige
ist ein Grabungsbericht in der Literatur festgehalten, und von nur ganz
einzelnen sind die Funde erhalten. Das Interesse für die heimischen Denkmäler
der Vorzeit erwachte vor etwa 4 Generationen zur Zeit der Romantik. Zuerst grub
man voller Begeisterung nach Altertümern, ohne auf den Zusammenhang der
Fundstücke oder die gesamte Anlage zu achten. Es gab da grausame Methoden:
Entweder kesselte man den Hügel von der Spitze her an, wobei man aber wohl nur
ausnahmsweise die Sohle erreichte (z.B. Alteberg, Tiefstruth). Oder es wurde
ein "Schacht"- (Graben) vorgetrieben",
mitunter in der Querrichtung erweitert, so dass ein T- oder + Schnitt entstand
(z.B. Beckersecke). Wer aber ganz gründlich sein und den Hügel vollkommen umgraben
wollte, um nur ja aller "Raritäten" habhaft zu werden, der grub einen
1 m breiten Graben von der Peripherie schneckenförmig bis zum Mittelpunkt vor,
den Abhub stets nach außen werfend; übrig blieb ein breiter deformierter, oben
abgeflachter Hügel mit einem tiefen Loch in der Mitte (z.B. Beckersecke). Nach
2 Generationen, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, begannen die
wissenschaftlichen Ausgrabungen, von denen Pläne, Berichte und Funde vorliegen,
Schon 1890 hat Adam im Distrikt Mühlkopf bei Rainrod die beiden Hügel auf ganz
moderne Art völlig abtragen lassen. Außer diesem sind folgende Grabungsdaten
bekannt: 1854 Ulfa, Greinbach, in der Literatur "Bartkrainwiesen"
benannt; 1882 Ulfa, Beckersecke (Kofler) 1921 Eichelsdorf, Alteberg (Helmke);
1938 ebenda (Richter- Dielmann).
Bodenfunde aus der Bandkeramikerzeit.
Die ältesten menschlichen Gerätschaften der Schottener
Gegend stammen von jungsteinzeitlichen Ackerbauern, den Bandkeramikern, die
alle mitteleuropäischen Lößlandschaften besiedelten, um den fruchtbaren,
steinfreien Boden zu bebauen. Bei Ulfa, das noch auf gutem Wetteraulöß liegt,
sind zahlreiche Steingeräte gefunden, aber leider nicht erhalten geblieben.
Aufwärts ins Gebirge hinein nimmt der Kalkgehalt des Löß und damit seine
Fruchtbarkeit mehr und mehr ab. Diese Erfahrung werden auch die Steinzeitbauern
gemacht haben, als sie, wie Steinbeilfunde es anzeigen, bis nach Rainrod,
Schotten, Götzen, und Michelbach vordrangen.
Schnurkeramiker.
Steinbeile, die auf Grund ihrer Form nicht der Bankkeramik
angehören sondern den jüngeren, endsteinzeitlichen Becherkulturen sind von
folgenden Orten bekannt: Eichelsdorf, Einartshausen, Rainrod, Schotten, in
großer Zahl, hauptsächlich aus der Läunsbach, Betzenrod, Götzen, Eichelsachsen,
Eschenrod und Breungeshain. Zwei von ihnen aus Schotten und Eichelsachsen sind
Hinterlassenschaften der aus Spanien kommenden und weithin durch Mitteleuropa
wandernden Glockenbecherleute. Die meisten aber rühren von aus
Mitteldeutschland zugewanderten Viehzüchtern her, den Schnurkeramikern, die bei
immer milder werdendem Klima in den lichten Mischwäldern des Vogelsberges gute
Weide für ihre großen Viehherden fanden. Sie dürfen, wenn auch bisher nur
schwach belegt, als die ersten Siedler der Landschaft um Schotten gelten. Der
einzige steinzeitliche Siedlungsfund liegt noch draußen an Hegerich
bei Betzenrod, etwa 100 m unterhalb der Rechten Niddastraße. Es ist die Hälfte
eines unlängst zerschlagenen Basaltblockes mit einer Schleifmulde für
Steinbeile, ein Zeuge für örtliche Herstellung oder Ausbesserung von
Steingeräten. Ähnliche Fundstücke aus dem Vogelsberg sind in den Museen Alsfeld
und Lauterbach zu sehen.
Bronzezeit.
In ruhiger Entwicklung erwuchs aus den Schnurkeramikern und
neuen Wetterauer Zuwanderern die Bronzezeitbevölkerung. Zur Zeit des wärmsten
Klimas in der mittleren Bronzezeit war die nun steppenhafte
Wetterau nur dünn besiedelt, doch blieb sie der Vermittler mittelrheinischen
Kulturgutes für den westlichen Vogelsberg. Im östlichen Vogelsberg und dem
Fuldaer Land bildete sich unter norddeutschem Kultureinfluss eine eigene
osthessische Gruppe heraus, die sich in den Bronzeformen auf mancherlei Art von
der mittelrheinischen Gruppe unterscheidet. Die hier zu besprechenden Bronzen -
Keramik fehlt gewöhnlich, wohl weil man weniger zerbrechliches Holzgeschirr
bevorzugte - sind sämtlich Funde aus Hügelgräbern im Bereich der Rechten
Niddastraße. Die Toten wurden auf dem Rücken ausgestreckt in beliebiger
Himmelsrichtung meist auf einer Steinbettung beigesetzt oder mit Steinen
umstellt. Sie trugen ihre Tracht mit Schmuck und Waffen. Um die Grablage herum
wurde in der Regel ein Steinkranz, mitunter ein doppelter, gesetzt, über den
man den Hügel aus Steinen und Erde wölbte. Oft enthält ein Hügel außer dem
Zentralgrab noch weitere, die wir als Nachbestattungen ansprechen. Da nie eine
Nachbestattung eine ältere gestört hat, dürfen wir annehmen, dass es sich um
Tote derselben Generation oder Familie handelt. Ein Nachbestattung Im Distrikt
Mühlkopf barg eine wohlhabende Frau; sie trug 2 Radnadeln (Abb. I, 3 und 4) als
Gewandverschluss am Hals eine Kette, von der sich 22 roh beschliffenen,
scheibenförmige Bernsteinperlen (Abb. 1, 2) erhalten haben, auf der Brust ein
Gehänge aus 14 Stachelscheiben, die im Wechsel mit Spiraldrahtröllchen
aufgereift waren (Abb. I, 1) und an den Unterarmen je ein offenes
Längsgeripptes Armband (Abb. I, 5 und 6). Die Abb. I, 7- 9, 11 und 12 zeigen
andere Formen entsprechender Schmuckstücke aus weiteren Bestattungen vom
Mühlkopf und 13- 16 von der Beckersecke.
Nicht Schmuck sondern ein wichtiges Gerät der Frau war der Spinnwirtel aus gebranntem Ton (Abb. I, 10), unentbehrlich
zur Verarbeitung der Schafwolle und vielleicht auch des Flachses. Der Ring mit
Spiralscheiben (Abb. I, 9) konnte den Oberarm oder das Fußgelenk schmücken.
Unterarmspiralen (Abb. I, 16) wurden an Stelle einfacher, offener Armringe
getragen oder sogar zusätzlich zu diesen. Kleinere Drahtspiralen dienten als
Fingerringe oder Lockenhalter; an der Beckersecke soll einer aus Gold gefunden
worden sein, und zwar in einem Männergrab. Das übrige Inventar besteht aus
Randbeil, Dolch mit 2 Nieten und schlichter Gewandnadel Abb. II, 2- 4); ein
verziertes Tongefäß vom Fußende der Bestattung ging verloren. Nur selten wurde
ein Männergrab so reich ausgestattet; gewöhnlich findet sich eine Waffe oder
gar keine Bronze. Reizvoll ist es nun, zu beobachten, wie sich in dem Formengut
der Bronzen hier am äußersten Rande des mittelrheinischen Kulturgebietes neben
betont westlichen Formen wie die kleinen Radnadeln mit Dreiecköse
(Abb. I, 11 und 13), Stachelscheiben (Abb. I, 1) und Arm- oder Fußbergen (Abb.
I, 9) durch Vermittlung der alten Straße auch osthessischen Formen geltend
machen; die großen Radnadeln mit doppelter Felge (Abb. I, 3, 4, 12) und
gerippte Armbänder (Abb. I, 5 und 6). Das der
Austausch zur Hügelgräberbronzezeit auch über die Linke Niddastraße stattfand,
wird durch das Vorkommen von späten osthessischen Radnadeln mit breiter,
mehrfach gerippter Felge im Gräberfeld von Nieder- Mockstadt belegt. Von den machtvollem Eindringen der aus Süddeutschland kommenden
Ackerbautreibenden Urnenfelderleute blieb der Vogelsberg naturgemäß verschont,
doch behielten die Straßen ihre Bedeutung. Der Fund einer Bronzesichel (Abb.
II, 1) auf der Platte bei Eichelsdorf an der Linken Niddastraße - von wo
übrigens auch ein Steinbeil stammt ist zweifellos unvollständig. Sicher hat
noch eine Anzahl gleichartiger oder anderer Bronzen dazu gehört, die nicht
gefunden oder abgeliefert wurde. Es muss sich um einen Hort handeln, der aus
Gründen der Sicherheit oder Bequemlichkeit hier an der Straße vergraben und
nicht wieder gehoben worden ist.- Ein unzweifelhafter
Hortfund zwischen Schotten und Rainrod - die genaue Fundstelle ist nicht
bekannt - mag mit der "Alten Schotter Straße" durch die Spieß
zusammenhängen; er bestand aus Lanzenspitze, Lappenbeil und einer Gussform. Nur
die zweiteilige Gussform (Abb. II, 5) für ein mittelständiges Lappenbeil ist
noch erhalten. Die Speziallegierung, deren Schmelzpunkt höher liegen musste als
der der darin zu formenden Bronze, ist noch nicht analysiert. Das Mitgefundene
Beil war nicht in dieser Form gegossen, und die Lanzenspitze hatte einen
Gussfehler. Danach ist kaum anzunehmen, dass dieser Hort von einem fahrenden
Bronzegießer stammt.
(Abb. II: Gerätschaften von bronzezeitlichen Männern. 2- 4
aus einem Grab an der Beckersecke bei Ulfa (mittl.
Bronzezeit), 1 und 5 aus Hortfunden auf der Platte bei Eichelsdorf und zwischen
Schotten und Rainrod (spätere Bronzezeit). Sämtlich aus Bronze. 1/3 natürlicher
Größe siehe "600 Jahre Schotten"). Seite 17.) Ebenso Seite 18 Bild
des Grabhügels am der Beckersecke beim Ulfa, Durchmesser 16 m, Höhe von rechts
60, von links 170 cm)
Hallstattzeit.
Wenn auch die Gunst des Klimas nachließ, so gaben doch die
Weiden des Vogelsberges noch lange Zeit Nahrung genug für große Viehherden, und
mit ihnen blieben die Viehzüchter bis über die Jahrtausendwende im Lande. Es
waren gewiss Nachkommen der Bronzezeitleute, die zur Hallstattzeit ihre Toten
im die alten Grabhügel aus der Bronzezeit Nachbestatteten. Vom Alteberg,
Mühlkopf und Tiefstruth bei Eichelsdorf, von der Greinbach bei Ulfa und vom
Roth bei Eichelsachsen liegen Funde von Hallstattringen vor. Auch die
mysteriösen Funde im Heillug bei Schotten werden als
hallstattzeitlich bezeichnet. Die beträchtliche Klimaverschlechterung verbunden
mit einer Regenperiode, die um 800 vor Christus im Norden die erste germanische
Völkerwanderung auslöste, muss nach und nach auch den Vogelsberg für Mensch und
Vieh unerträglich gemacht haben. Jedenfalls fehlt es bis weit über Christi
Geburt hinaus an Funden in unserer Landschaft.
Dr. Gudrun Loewe.
1) F. Kofler, Archäologische Karte Großherzogtum Hessen.
Darmstadt 1890.
2) O. Kunkel, Oberhessens vorgeschichtliche Altertümer. Marburg
1926
3) K. Th. Ch. Müller, Alte Straßen und Wege in Oberhessen 2.
Teil Mitt. Oberhess. Gesch.
Ver. NF 34 Bd. Gießen 1937.
4) Fr. Holste, Die Bronzezeit im Nordmainischen Hessen,
Berlin 1939
Für wertvolle Hinweise bei den Arbeiten im Gelände danke ich
den Herren Sauer, Schotten und Würz, Eichelsdorf.
Abschrift eines Schreibens des "Hessischen
Staatsarchivs, Darmstadt vom 20. Dezember 1929 an Herrn Lehrer Wilhelm Würz,
Eichelsdorf. Nr. U. 2942.
Ihre Anfragen vom 11. Dezember erwidern wir
folgendes:
1.) Von einer Teilnahme hessischer
Kolonisten an der mittelalterlichen Besiedlung Ostdeutschlands ist nichts
bekannt; doch liegen keine Gründe vor, eine solche Annahme auszuschließen.
2.) Die Johanniterkomturei Nidda
wurde 1526 bei der Einführung der Reformation beschlagnahmt, aber dann dem
Komtur von Rüdigheim wieder überlassen; die
Ordensverwaltung nahm erst 1583 ein Ende, als der Orden den hessischen
Landgrafen die sämtlichen Besitzungen der Komturei in
Erbbestand gab. Vgl. W. Diehl, Reformationsbuch (1907), und über sämtliche
hessische Klöster W. Dersch, Hessisches Klosterbuch (1915), wo alle
erforderlichen Nachweise gegeben sind. Die Urkunde von 1584 ist erwähnt bei
Wagner, Geistliche Stifte I, 310; ihr Original liegt bei uns.
3.) Wir verweisen auf die eben genannten Bücher, sowie auf Rady, Geschichte der katholischen Kirche in Hessen (1904),
wo der katholische Standpunkt vertreten wird. gez. Dr. Herrmann.