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Was der alte Gröb erzählte.

Im Jahre 1872 kam ich als Kerlchen von 14 Jahren von Gonterskirchen nach Eichelsdorf und war 6 Jahre Knecht in "Haue" und 8 Jahre in "Kastemeistersch". Was hab ich schaffen müssen, aber es waren doch schöne Zeiten! Und was haben wir manchen Schluppstreich gemacht!

Damals war alles noch viel anders als heute. Im Heumachen gings schon um 2 Uhr heraus, da wurde sich im Bett gedrückt und gerückt, so lange es nur ging. Mit der Sense auf dem Buckel stolperte man dann in den Grund und schlief noch halb dabei. Ich habe damals im Gehen geträumt. Wenn ein schönes Stück gemäht war, kam der Kaffee. Beim Frühstück gab's dann "Ordinären", und wenn wir ein paar Mal gehoben hatten, wurde auch einmal eins gesungen. (Heute tun die Kerle ja kein Maul mehr auf!) Mittags kamen die Weibsleut und brachten das Mittagessen in einer Mahne auf dem Kopf bis in den Grund. Da war einmal so eine narrige Magd im Dorf, die trug auch Mittagessen auf dem Kopf in den Grund. Zu der sagte ich - ihr Bursch mähte vor dem Buchwald -: "Guck einmal, vor dem Buchwald scheint die Sonne!" Sie drehte den Kopf um und guckte, kam ins Stolpern, und da lag die ganze Malefiz auf dem Lattemattesweg.

Sellemal wurde noch die ganze Frucht geschnitten. Um vier Uhr waren wir schon auf dem Acker, und um 10 Uhr ging's heim, wenns gar zu arg heiß war. Das erste Reff hatte der alte Michel, so um 1885/1886 wars. Das hatte lange hölzerne Zinn (Zinken). Am "Streckberg" mähte der einen ganzen Acker Hafer ab. Er hatte das ganz barbarisch los und machte saubere Arbeit. Die schlimmste Arbeit war das Dreschen im Herbst. Das dauerte ein paar Wochen. Um 3 Uhr gings heraus, und um 6 Uhr mussten 20 Garben gedroschen sein. Dann gabs Kaffee. Da kam eine Schanze voll Kartoffeln auf den Tisch und eine Schüssel voll Matte dabei. Bis drei Uhr wurde gedroschen und dann geputzt. Ein Fuder 20 musste jeden Tag gepackt werden. Mitte der 79er Jahre kamen die Handdreschmaschinen auf. Drei Mann mussten drehen. Jetzt konnte man schon 9 Fuder an einem Tage dreschen. Hier und da hatte auch einer schon ein Göpelwerk zum Dreschen. Die erste Dreschmaschine war, glaube ich, im Jahre 1883 hier. Da lief das ganze Dorf zusammen und riss Maul und Augen auf. Viel Arbeit machte der Flachs. Das Spinnen war dann das wenigste. Das besorg­ten die Weibsleute. Die spannen, dass sie "Graben" in die Finger kriegten. Erst kam die "Anschwinge" für Säcke, dann das "Werg" zu Bett-Tüchern und zuletzt der Flachs zu Tuch. Die ledigen Mädchen gingen mit dem Spinnrad in die Spinnstube. Wenn sie um 10 Uhr heimkamen, mussten sie noch bis 12/1 Uhr spinnen.

Kartoffeln wurden weniger gezogen als heute und erst im Oktober ausgemacht. Da wars manchmal so kalt, dass wir ein "Fauerdöppe" (eiserner Kroppen mit glühenden Holzkohlen) vor uns stellten und die Hände wärmten. Mittags wurde Kaffee hinausgebracht und in einer Mahne gekochte Kartoffeln, die waren in ein blaues Tischtuch geschlagen, dass sie warm blieben. Dazu gab's Matte oder Honig, auch einmal Speck. Den steckten wir an ein Hölzchen und brieten ihn am Feuer. Am besten schmeckten dazu gebratene Kartoffeln. Mit der Esserei war es überhaupt einfacher als heute. Wenn einer einmal ein Säuchen schlachtete, das 150/160 Pfund wog, schwätzte das ganze Dorf davon. Kuchen gabs nur auf die Feste und auf die Kirmes. Jeder zog "Samen" (Raps) und hatte sein Öl. In Eichelsdorf waren damals drei Schlagmühlen. Auf der Stockmühle konnte man Hirse und Gerste schälen lassen. Das bisschen Spezereikram, was die Leute noch brauchten, brachten die Frankfurter Fuhrleute mit, der alte Völker, der Schmidts Jörg oder der Sack. An jedem Freitag holten sie die Butter im Vogelsberg - es gab ja noch keine Molkerei und montags ging's nach Frankfurt. Das alte Volk nahm auch noch Kälber mit. Der Sack war so ein Kerle und hatte gar zu arme Gäule. Alle Leute hatten ihn zum Uz und sagten ihm nach, er wäre einmal bei der Junkermühle in der Bach hängen geblieben und hätte nur ein Pfund Hirse auf dem Wagen gehabt. Später, als die Leineweber und die Nagelschmiede aufhören mussten, so um 1880, fuhren wir Buben fürs Sägewerk bei Eichelsdorf, seit 1882. Wir waren rechte Schabernäcker, wenn wir beieinander waren - der Waitze Wilhelm, das Reppchen und ich und ärgerten die Vogelsberger, wo wir nur konnten. Wir hielten einmal beim Gemeindewirtshaus in Eichelsachsen. Da machte ich mit dem Maul nach, wie der Eichelsächser Säuhirt auf seinem Kirschbaumhorn blies auf einmal war die Gasse voller Säue, aber kein Sauhirt kam. Ein andermal blieben wir in Hartmannshain beim Schmalbach über Nacht wir holten Buchen bei Ilbeshausen da wurde ich wach, weil der Alte unten stand und rief: "Määd!" und nach einer Weile "Knäät!" Ich wusste nicht, was das bedeutete und krisch auch. Da beschwerte sich der Schmalbach beim Waitze Wilhelm und glaubte, ich wäre narrig. Der sagte aber: "Lass den gehen, der ist nicht pur!"

Mit der Viehzucht war früher nicht viel los. Die meisten Leute hatten gar zu arme Küherchen, und nur ein paar Mann hielten Simmentaler. Ganz alte Männer fuhren ihr Vieh noch im Doppeljoch, die anderen Bauern hatten schon Einzeljöcher. Künstlichen Dung gabs noch nicht und auch noch keine Maschinen. Das alte "Blümche" hatte einen Pflug und eine Egge, damit machte ich den ganzen Ackerbau. Wagen hatten fast alle im Dorf, nur ein paar alte "Auszüger" (Auszügler) fuhren noch mit dem zweirädrigen Karren. Am längsten der alte Schreiber in der Schlaggasse, den hießen sie ja auch später das "Kärrnche". Der hatte einmal einen Karren voll Mist geladen und fuhr zum Hof hinaus durch die Gosse. Da tats einen lauten "Platz", die alte mürbe Achse aus Buchenholz war gebrochen, und der Karren voll Mist lag da. Da riss sich der alte Schreiber in den Haaren und jammerte: "Läiwer Goitt, mein Kärrnche, mein Kärrnche!" Und seinen Unnamen hatte das alte Schreiberchen, und sein Haus heißt heute noch "Kärrns", wenn auch die meisten Leute nicht mehr wissen, warum.

Es waren früher doch schöne Zeiten, wenns auch nicht so viel Fleisch und Wurst gab wie heute, und wir schaffen mussten von morgens früh bis abends spät. Und stark waren wir: Drei Zentner konnte ich tragen. Der Waitze Wilhelm trug vier und hob jede Buche übers Hinterrad. Wer heute sagt, es wären schlechte Zeiten, der soll sein Maul halten. Heute hat jeder seinen schönen Lohn, aber es "schickt" doch nicht. Wie ich beim "Blümche" war, ich war 20 Jahre alt, kriegte ich im Jahr 90 Mark, 1 Paar Schuhe, die im Beschlag zu halten, und 3 Pfund Wolle. Meine Frau diente damals in Freymanns, die kriegte noch weniger. Nein, gute Zeiten haben wir heute damals waren schlechte Zeiten. Aber wir hatten doch alle Teufelsstreiche im Kopf. Der Pfarrer Fischer hatte ein kleines Hundchen, dem hatten wir ein "Steckholz" an den Schwanz geklemmt. Das "geallert" und ging ab wie Keilholz. Wies am Schulhaus vorbeisauste, sagte die Mathilde, sie war noch klein und kannte mich von "Haue" aus: "Doas bot de Wiederich (Friedrich) gedoh!"

Kratzig ist mirs mein Lebtag ergangen, aber schön wars doch!

Nach W. Würz.


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